Heinrich Campendonk: Frau am Spiegel, um 1922

Ausstellungseröffnung im CSM

Vorsicht Glas – Hinterglasmalerei von August Macke bis heute - neue Laufzeit vom 23. Mai bis 30. August 2020

Eine leuchtende Klarheit, ein aus der Tiefe kommendes Strahlen – das ist es, was der Hinterglasmalerei ihre ganz besonderen Reize verleiht. Das müssen auch die Blauen Reiter, allen voran Gabriele Münter, gespürt haben, als sie die beinahe vergessene, gemeinhin eher mit der Welt des bäuerlichen Lebens assoziierte Kunst auf ihrer Suche nach einer deutlich gesteigerten Intensität der Farben und einer größeren Ursprünglichkeit und Schlichtheit der Formen entdeckten. Die Errungenschaften des Blauen Reiters und der Rheinischen Expressionisten bilden den Ausgangspunkt der Ausstellung, in der das Clemens Sels Museum Neuss vom 23. Mai bis zum 30. August 2020 unter dem Motto „VORSICHT GLAS!“ die ganze Vielfalt der Hinterglaskunst zeigt, die bis auf den heutigen Tag fasziniert und in der zeitgenössischen Kunst ihre Anwendung findet.
Die Hinterglasbilder des Clemens Sels Museums Neuss werden durch ausgewählte Leihgaben privater und öffentlicher Sammlungen ergänzt. So entsteht ein beeindruckendes Raritätenkabinett mit Werken von Heinrich Campendonk, August Macke, Gabriele Münter, Paul Klee, Carlo Mense und Paul Adolf Seehaus, denen Hinterglasbilder des Malers Werner Schriefers sowie verschiedene Gegenwartspositionen zur Seite gestellt werden.

Unter anderem zeigen Michael Jäger, Camill Leberer und Gaby Terhuven raumbezogene Arbeiten, die zum Teil eigens für die kommende Ausstellung geschaffen wurden, um mit der bedeutenden Sammlung und eigentümlichen Architektur des Clemens Sels Museums Neuss zu dialogisieren.

Als der damals 22-jährige Krefelder Heinrich Campendonk 1911, einer Einladung seines Kollegen Franz Marc folgend, ins oberbayerische Sindelsdorf zog, entstand eine Brücke zwischen dem Rheinischen Expressionismus und der Künstlergruppe des Blauen Reiters, der – ähnlich wie andere Vereinigungen jener Zeit – die Einheit von Kunst und Leben anstrebte.
Franz Marc, Wassily Kandinsky, Alexej von Jawlensky, August Macke, Paul Klee und ihre Mitstreiter ließen die Grenze zwischen Kunst und Kunstgewerbe fallen. Dabei ließen sie sich unter anderem von der volkstümlichen Hinterglasmalerei inspirieren, die sich zunächst Gabriele Münter aneignete und dann ihren Freunden vermittelte.

»Als wir bei Marcs in Sindelsdorf zu Besuch waren, saßen wir abends alle um den runden Tisch und malten Glasbilder. Franz und Maria [Marc], August und ich, und manchmal waren auch Helmuth Macke und Campendonk dabei, die damals in Sindelsdorf lebten. Überhaupt beschäftigten sich seinerzeit viele Maler mit dieser etwas primitiven Volkskunst,« beschrieb August Mackes Ehefrau Elisabeth die schöpferische Tafelrunde.
Die Praxis dieser neuen, experimentellen Maltechnik war insbesondere für Franz Marc, August Macke und Heinrich Campendonk von wegweisender Bedeutung, wie beispielsweise der 1912 erschienene Almanach Der Blaue Reiter verrät, in dem nahezu ein Dutzend Hinterglas- und Spiegelbilder dargestellt sind. Als Campendonk dann im Jahre 1923 im Krefelder Kaiser Wilhelm Museum seine erste Einzelausstellung veranstaltete, widmete er diese Schau ausschließlich seinen Glasbildern. Und seither ist diese Technik für die Avantgarde geradezu unverzichtbar geworden.

Nachdem sich der aus dem niederrheinischen Dülken stammende Werner Schriefers (1926-2003) in den vierziger Jahren intensiv mit Paul Klees Œuvre und dem Schaffen des Blauen Reiters befasst hatte, trat er in den sechziger und siebziger Jahren mit poetischen, bewegten und tiefenräumlichen Bildern an die Öffentlichkeit, die ihre besondere Anziehungskraft einer virtuosen Variation der angewandten Mittel verdankten.
Von Schriefers und seiner äußerst aktuell wirkenden Bildsprache führt der Weg zur Hinterglasmalerei des 1956 geborenen Kölners Michael Jäger, der seit vielen Jahren mit Lack- und Ölfarben hinter Acrylglas intensive Farbräume aus vielteiligen geometrischen Kompositionen und amorphen Formen, aus computergenerierten Strukturen und freier Malerei gestaltet. Er verlässt dabei immer wieder bewusst das Einzelwerk, um seine Hinterglasbilder im Bezug auf den jeweiligen Raum mit farbintensiven, geometrisch reduzierten Wandmalereien zu verbinden. So verschwimmen die Grenzen zwischen Malerei, Objekt und Installation in bemerkenswert raumschaffenden Kunstwerken.

Demgegenüber sind die Hinterglasarbeiten der Düsseldorferin Gaby Terhuven (*1960) durch eine graphisch-lineare Ausdrucksweise gekennzeichnet. Die Künstlerin arbeitet grundsätzlich mit zwei Glasscheiben, deren beide Seiten sie partiell mit Ölfarbe bemalt, und so wandelt sich, was anfangs wie eine Konstruktion anmutet, bei längerer Betrachtung zu nicht fassbaren Gehäusen. Die Staffelung der Scheiben und das genau kalkulierte Zusammenspiel der Farben und Formen versetzt die Kunstwerke förmlich in Schwingung. Je nach dem Standpunkt des Betrachters beginnen die Bilder, sich unter dem Einfluss des natürlichen Lichts und der individuellen räumlichen Gegebenheiten in rein visuelle Phänomene zu verändern.

Gaby Terhuvens zarte, beinahe schwebende Kreationen stehen in einem direkten Kontrast zu den teilweise bemalten Glasobjekten des 1953 geborenen, in Stuttgart lebenden Camill Leberer, der seinen kubischen Objekten den Eindruck der Materialität und dreidimensionalen Schwere verleiht. Die anfangs wie verschlossen wirkenden Gegenstände öffnen sich indes nach und nach durch die transparent bemalten Glaspartien. Durch den jeweiligen Blickwinkel wird man ein komple¬xes Spiel aus Vor- und Rücksprüngen, Kanten und Ecken, scheinbar kippenden Flächen und räumlichen Vertiefungen beobachten können. Auch Leberers Schaffen bewegt sich in ei¬nem Grenzbereich von Skulptur und Malerei.
Licht und Bewegung sind zentrale Elemente einer unablässig sich wandelnden Wahrnehmung – weshalb denn auch das Motto VORSICHT GLAS! nicht nur zum behutsamen Umgang mit dem fragilen Material auffordert: Wir sollten uns auf das Erlebnis transparenter Zwischenwelten gefasst machen, die sich durch unsere Sicht vor uns öffnen.

Die Ausstellung im Clemens Sels Musuem Neuss, Am Obertor, ist dienstags bis samstags von 11 bis 17 Uhr, sonntags und an Feiertagen von 11 bis 18 Uhr zu sehen. Der Eintritt kostet fünf Euro für Erwachsene; für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis 21 Jahren ist er frei. Jeden ersten Sonntag im Monat ist der Eintritt frei. Weitere Informationen sind unter www.clemens-sels-museum-neuss.de erhältlich.
Die Ausstellung wird gefördert von dem Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, der Jubiläumsstiftung der Sparkasse Neuss und dem Museumsverein Clemens Sels Museum Neuss.