Die Vergangenheit

Von der mittelalterlichen „Kornkammer“ zum „Reißbrett-Stadtteil“

Erfttal ist ein junger Neusser Ortsteil. Doch schon vor vielen Jahrhunderten wurde auf dem Areal des heutigen Erfttales gelebt und gearbeitet. Das, was heute als Überbleibsel früherer Zeiten in Erfttal gefunden werden kann, liegt gut versteckt nahe der Hotelanlage Novotel im Osten des Stadtteiles: Der Derikumer Hof. Seine Geschichte reicht mindestens bis zum Jahr 1223 zurück. Dies ist der älteste belegte Zeitpunkt, an dem die Neusser Regulierherren (im Oberkloster nach strengem Gelübde lebende Ordensleute) den Hof zu „Derichem“ (Derikum) von Graf Conrad von Dyck erwarben. Dieser Kauf wahr wohl überlegt und diente einem existenziellen Zweck: Der Derikumer Hof, der seit dem Kauf immer wieder in verschiedenen Urkunden auftauchte, wurde die Kornkammer der Regulierherren. In den Wirren des Truchsessischen Glaubenskrieges gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurde ein großer Teil der Stadt Neuss zerstört – und auch die Höfe rund um die Stadt wurden von marodierenden Truppen geplündert.  Kein Wunder, dass die Söldnertruppen des Grafen Adolf von Neuenahr auch über die „Kornkammer“ der Regulierherren in Derikum herfielen. Um 1610 beklagte sich der Prior des Oberklosters über die dauernden Störungen durch Soldaten Der „Halfmann“ (Pächter) des Derikumer Hofes hatte  vorübergehend die Flucht ergriffen, nachdem auf anderen Höfen die „Halfmannsche schier zu doit geschlagen“ worden waren. Bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts wurde der Derikumer Hof von der Familie Elfes (oft tauchten auch die Schreibweisen Elves, Elvis oder Elffes auf) bestellt. Urkunden aus den Jahren zwischen 1716 und 1788 berichten über Pachtverträge des Oberklosters mit dieser Familie. Während der Franzosenzeit ging der mittlerweile etwa 240 Morgen große Hof in den Besitz der französischen Republik über. Zwar konnten die Pächter den Derikumer Hof weiter bewirtschaften. Aber das, was sie früher an Pacht entrichteten, floss nun in französische Taschen. Ende der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts verlor der Hof nach rund 745 Jahren landwirtschaftlicher Nutzung seine Funktion. Die Gebäude verfielen bis auf das heute noch bewohnte Herrenhaus. Zusammen mit dem Straßennamen „Am Derikumer Hof“ erinnert es nicht nur an vergangene Zeiten, sondern ist auch Beleg daür, dass ein so junger Stadtteil wie Erfttal durchaus seine Geschichte haben kann.

Neusser Stadtteile: Erfttaler Vergangenheit - Einkaufen #1Denn mit dem Ende des Derikumer Hofes beginnt der Anfang des heutigen Stadtteiles Erfttal. „Urbanität durch Dichte“ – so lassen sich die Vorstellungen der damaligen Städteplaner auf den Punkt bringen. Dieser Slogan bedeutete im Klartext: Mit Beginn der siebziger Jahre rückten Planierraupen und Bagger auf den bis dahin freien Feldern vor dem Derikumer Hof an. Der auf dem Reißbrett konzipierte Stadtteil nahm in wenigen Monaten sichtbare Formen an: Straßenzüge wurden angelegt, Baugruben ausgehoben, Lastwagen pendelten unaufhörlich hin und her. Ein ganzer Stadtteil wurde aus dem Boden gestampft – und wer damals an dem Baugebiet vorbeifuhr, schaute beeindruckt auf die Kran-Kulisse. Es war zu dieser Zeit unumgänglich, einen neuen Stadtteil zu gründen: Die Nachfrage nach Wohnraum war enorm angestiegen, und die Stadtplaner prognostizierten weiteres Wachstum. Ein Blick auf den Flächennutzungsplan der Stadt Neuss aus dem Jahr 1970 veranschaulicht die Bemühungen der Verwaltung: 155.000 Einwohner wurden einkalkuliert. Und die tatsächliche Zahl der Bürger, die innerhalb der Stadtgrenzen lebten, betrug bei der Volkszählung 1970 genau 114.613. Neuss sollte also um weit mehr als ein Viertel wachsen, mehr als 40.000 Neubürger aufnehmen. Für deren Großteil wurde Raum im Neusser Süden geschaffen – neben dem neuen Stadtteil Erfttal auch in Weckhoven und Grimlinghausen. In Erfttal wurden zu Beginn der Siebziger genau 1.969 Wohnungen gebaut – getreu des eingangs erwähnten Mottos „Urbanität durch Dichte“. Das heißt: Der überwiegende Teil der neuen Domizile waren Hochhäuser.
Neusser Stadtteile: Erfttaler Vergangenheit - Einkaufen #2In Zahlen: Von den 1.969 Wohnungen waren nur rund 175 als Reihenhäuser konzipiert. Und von den 1.714 Hochhaus-Wohnungen wurden ungefähr 80 Prozent im sozialen Wohnungsbau errichtet. Durch die Mischung von Hoch- und Reihenhäusern verfolgten die Stadtplaner eine ganz bestimmte Absicht: die soziale Mischung. Doch auch für die damaligen Vorstellungen fiel in Erfttal das Mischungsverhältnis Geschosswohnungen/Einfamilienhäuser sehr einseitig zu Gunsten der Geschosswohnungen aus – die oben genannten Zahlen belegen dies. Und auch von einer Mischung kann nur ansatzweise die Rede sein: Im östlichen und in geringem Umfang auch im westlichen Teil Erfttals befinden sich reine Einfamilienhaus-Zonen. Räumlich eindeutig getrennt davon befinden sich die Hochhäuser: So sind die höchsten Gebäude (bis zu neun Geschosse) südlich der Straßenunterführung Euskirchener Straße, entlang der Bahngleise und des Berghäuschensweges angeordnet. Nördlich davon erreicht die Bebauung drei bis sieben Geschosse. Und östlich der Euskirchener Straße stehen bis zu sechsgeschossige Gebäude. Der Bereich des alten Derikumer Hofes und des Novotels bildet einen Sonderkomplex. Das zeigt sich auch durch die Tatsache, dass die Zufahrt bis zum Hotel von Norf aus erfolgt. Übrigens: Ursprünglich war geplant, die Euskirchener Straße bis nach Norf-Derikum durchzubauen; die Pläne wurden aber nicht realisiert. Nur ein Fuß- und Radweg führt jetzt auf direktem Weg nach Derikum. Mitte der Achtziger Jahre setzte ein zweiter Bevölkerungsschub ein. Die „nächste Generation“ der Erfttaler – zum großen Teil jetzt erwachsen gewordene Söhne und Töchter - suchte nun eigenen Wohnraum möglichst nahe des bisherigen Domizils. So entstand 1986 auf der anderen Seite des Berghäuschensweges Erfttal-West.  Die 270 Wohnungen dort bieten Platz für etwa 850 Bürger. Hochhäuser wurden in Erfttal-West keine mehr gebaut. Ende 1994 hatte Erfttal mit 6.825 Einwohnern sein Bevölkerungshoch erreicht. Seit dem nimmt die Zahl kontinuierlich ab.  Zurzeit leben knapp über 6.000 Menschen in Erfttal.



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