Vergangenheit

Vom befestigten Römerlager zur modernen Grünwegsiedlung

Die Geschichte des heutigen Neusser Stadtteiles Gnadental beginnt mit den Römern. Im Jahre 16 vor Christus ließ der Heerführer Drusus nördlich der Erftmündung ein befestigtes Lager errichten. War die Politik des „Imperium Romanum“, des römischen Reiches, zunächst noch auf die Eroberung des rechtsrheinischen Germaniens ausgerichtet, so diente dieses Lager und die später erbauten Kastelle dann der Sicherung der Rheingrenze. Diese Lager befanden sich ungefähr im Bereich der heutigen Koenenstrasse und dem Gelände der St-Konrad-Schule. Mit Erbauung des Hauptlagers wurde Novaesium dann Garnisonsort. Ein benachbartes Kastell konnte im nahen Durnomagus (Dormagen) nachgewiesen werden.

Auf dem Legionsterritorium Novaesium, welches räumlich und rechtlich streng von der gleichnamigen, nördlich gelegenen Zivilsiedlung getrennt war, lagen „villae rusticae“ (Bauernhöfe), welche die Truppen mit landwirtschaftlichen Produkten versorgten und von Zivilisten oder Veteranen bewirtschaftet wurden. Mitten im Herzen von Meertal, am Ende des Liviusweges, wird in einer Anlage an eine solche villa rustica erinnert. Um das Legionslager herum lag eine canabae legionis, eine Lagervorstadt. Die Fachwerkhäuser (vorne Wohnteil, hinten Wirtschaftsteil) waren bis zu 60 Meter lang und hatten meist einen Keller. Sie reihten sich entlang der heutigen Kölner Strasse und wurden zumeist von Handwerkern, Händlern und Wirten bewohnt, die die Truppen mit Nahrung, Waffen, Kleidung und sonstiger Ausrüstung versorgten. Auch eine therme, ein Bad, gehörte zur Lagervorstadt, und dieses befand sich im Bereich der Straße, die bezeichnenderweise „Am Römerbad“ heißt. Feuergefährliche Betriebe wie Töpfer-, Schmiede- und Ziegelöfen waren ebenfalls etwas außerhalb untergebracht und befanden sich im Bereich „Ziegelei Sels“ bis hin zum Meertal.

Die Zivilsiedlung Novaesium lag etwa 1,6 Kilometer nördlich von der militärischen Lagervorstadt und war von dieser durch Gräber geschieden. Sie lag auf dem östlichen, schwach abfallenden Abhang eines Erdbuckels (Büchel) zwischen Michaelstrasse, Markt und Hymgasse. Um 105 n.Chr. wurde das Lager aufgelassen, da die Ruhe am Rhein eine Verringerung der Truppenstärke erlaubte. Das zu dieser Zeit erbaute Auxiliarkastell im Bereich der heutigen Telekom-Gebäude bestand bis zu den Frankeneinfällen im späten 4. Jahrhundert n. Chr. Ab dem 5. Jahrhundert verblasst die römische Vergangenheit von Gnadental, und für viele Jahrhunderte findet sich keine historisch bedeutsame Erwähnung der Gegend, die unter den Namen Gnadental und Meertal bekannt ist.

Es mussten erst mehr als 800 Jahre vergehen, bis um das Jahr 1250 der Ritter Hermann von Forst, Schultheiß von Lechenich und Truchseß des Kölner Erzbischofs Konrad von Hochstaden, dem Orden der Zisterzienserinnen Grund und Boden zur Errichtung eines Klosters zur Verfügung stellte. Vallis gratiae – Tal der Gnaden – nennen alte Urkunden die Stätte, an der dann die Zisterzienserinnen siedelten, um dort im Geiste der Regeln des heiligen Benedikt ein asketisches Leben zu führen. Diese Klöster wurden nicht wie die anderer Orden in Städten oder Dörfern erbaut, sondern in einsamen Gegenden, fernab vom Verkehr anderer Menschen und weit vor den Toren der mittelalterlichen Neusser Stadtmauer. Wenngleich die Zisterzienserinnen dem Ideal radikaler Armut verpflichtet waren, konnten sie doch nicht ohne Besitz von Grund und Boden auskommen, welcher ihnen erst die Selbstversorgung durch eigener Hände Arbeit ermöglichte.
Im Verlauf der Geschichte geriet dieses Armutsideal allerdings mitunter in Vergessenheit, da nicht nur der Umfang des Grundbesitzes den Grad der Selbstversorgung bei weitem überschritt, sondern das Kloster auf die Stufe eines adeligen Damenstiftes herabzusinken drohte. Allerdings griff die große Politik immer wieder regulierend ein, denn im Auf und Ab seiner Geschichte wurde das Kloster wiederholt durch kriegerische Ereignisse in Mitleidenschaft gezogen und in seiner Entwicklung durch Raub, Plünderung und Belegung mit Zwangsabgaben zurück geworfen.

Eine geschichtliche Bedeutung hat es nie erlangt. Nur zweimal trat das Kloster in das Licht der Öffentlichkeit. Am 9. Juni 1475 nahm Herzog Karl der Kühne von Burgund anlässlich der Belagerung von Neuss im Kloster Gnadental sein Quartier und gab dort für die Gesandten vom Sizilien, Neapel, Mailand und Venedig ein Abendessen. Der für Karl wenig erfreuliche Fortgang der Belagerung ist hinlänglich bekannt. Einhundertelf Jahre später wurde das Kloster Gnadental erneut Hauptquartier. Dieses Mal nicht von einem burgundischen, sondern von einem spanischen Herzog. Es wäre allerdings verfehlt, deswegen von der ersten Neusser multikulturellen Begegnungsstätte zu sprechen.

Herzog Alexander Farnese von Parma hatte gerade seine Belagerung von Venlo abgebrochen und erschien am 10. Juli 1586 mit seinem Heer vor den Toren von Neuss. Dort leitete er die Eroberung der Stadt ein, die durch einen Handstreich in die Gewalt des zum Protestantismus übergetretenen Erzbischofs und Kurfürsten von Köln, Gerhard Truchseß von Waldburg, geraten war. Die Eroberung gelang gründlich: Neuss wurde nach Plünderung und Mord durch Brand in einen rauchenden Trümmerhaufen verwandelt und zu drei Viertel in Schutt und Asche gelegt. Da es nun in der Stadt keine geeignete Örtlichkeit mehr gab, wurde die Siegesfeier am 1. August 1586 in dem zur Schanze ausgebauten Kloster veranstaltet – mit Kampfspielen, Preisschiessen und ausgiebigem Trinkgelage. Vermutlich zu diesem Anlass wurde dann – der guten Ordnung halber – auch das Klostergebäude aus Unachtsamkeit in Brand geschossen und bis auf die Grundmauern zerstört.

Als fünf Jahre nach der französischen Revolution napoleonische Truppen die Rheinlande und am 21. Oktober 1794 auch Neuss besetzten, flüchteten die Nonnen vor den anrückenden Truppen. Erst nach Zahlung von 600 Reichstalern war ihnen am 27. Juni 1795 die Rückkehr möglich. Doch mit der in großem Umfang vorgenommen Säkularisation, also der Überführung von geistlichem in weltlichen Besitz, war im Jahre 1802 das Schicksal endgültig besiegelt. Als Frankreich mit Konsularbeschluss vom 9. Juni die Aufhebung der Klöster verfügte, wurden die Gnadentaler Schwestern aufgefordert, das Kloster binnen zehn Tagen zu verlassen und weltliche Kleidung anzulegen. Das Klostervermögen wurde konfisziert und unter französische Verwaltung genommen. Hier endet die 550-jährige Geschichte des Klosters Gnadental.

Der Generaldirektor der französischen Schuldentilgungskasse in Paris wollte sich jedoch des weit entfernten und nur wenig Pachtzins abwerfenden Grundbesitzes schnell wieder entledigen. So wurde das Kloster bereits am 16. Januar 1807 an die Eheleute Theodor und Maria Anna Hellersberg verkauft. Laut Kaufvertrag umfasste das Kloster „die Kirche, Haus, Scheune, Stallungen, und andere damit zusammenhängende Gebäude, Garten, Obstgarten sowie Ackerland und Wiesenflächen mit allem Zubehör“.

Nachdem Theodor Hellersberg – noch zu Lebzeiten – sein Vermögen auf seine vier Kinder verteilt hatte, trat dann später seine Tochter Elisabeth Hellersberg das Erbe Gnadental an. Sie ehelichte 1839 Franz Melchers und gebar ihm ein Jahr später den Sohn Theodor Melchers. Der Straßenname „Melchersfeld“ geht auf diese Familie zurück. Unter Theodor Melchers erfuhr das Wirtschaftsgut Gnadental mit 344 Morgen Land seine größte Ausdehnung. Allerdings endet mit ihm auch die Zeit der Eigenbewirtschaftung. Seine Kinder hatten den Hof in ungeteilter Erbengemeinschaft übernommen. Nach dem Tod des Vaters wurde das Gut 1913 an die Familie Minten, 1926 an die Familie Degen und 1931 an die Familie Treiber verpachtet.

Im zweiten Weltkrieg wurde der Hof am 14. Februar 1945, also zwei Wochen vor Einmarsch der amerikanischen Truppen in Neuss, bei einem Luftangriff zu 70 Prozent durch Bomben zerstört. Damit ging eines der letzten bis dahin erhaltenen Zeugnisse der Klostergeschichte, das ehemalige Konventgebäude, endgültig verloren. Als die Stadt Neuss für die Erweiterung des Stadtteils Gnadental Land benötigte, verkaufte die inzwischen in dritter Generation fortgeführte Erbengemeinschaft das Gut 1969 an die Stadt. Mit dem Verkauf an die Eheleute Zülow zum 1. Januar 1996 endet dann die 194-jährige landwirtschaftliche Nutzung des Gutes.

Die Stadt Neuss indes war bereits 34 Jahre früher tätig geworden. Im außerordentlichen Haushaltsplan des Jahres 1934 wird unter den Punkten 2 und 3 die Schaffung von insgesamt 76 vorstädtischen Siedlungshäusern am Berghäuschensweg verfügt. In der Niederschrift über die Sitzung der Ratsherren vom 31. August 1934 findet sich unter Punkt 2 „Schaffung von 28 vorstädtischen Kleinsiedlungen am Berghäuschensweg“ folgender Eintrag: „Auf dem städtischen Grundstück, Flur L, Parzellennummern 88....links vom Berghäuschensweg und im Anschluss an die zum Teil schon fertiggestellte Siedlung am Grünenweg soll für weitere 28 Siedler ein Erbbaurecht bestellt werden und zwar für jeden der Siedler ein Grundstück von ca. 1.000 qm. Das Erbbaurecht wird für 43 Jahre eingeräumt. Die 28 Wohnungen werden in 14 Doppelhäusern gebaut und enthalten je nach der Familiengrösse des Siedlers 3 bis 5 Wohnräume, Futterküche, Stall und Kellerraum....Die Siedler müssen beim Bau ihrer Häuser selbst mitarbeiten.“

Im Nachtrag zu der vorgenannten Sitzung wird unter den Punkten 3 bis 5 der Verkauf von städtischen Grundstücken an namentlich aufgeführte Privatpersonen zum Zwecke der Errichtung von Siedlungs- beziehungsweise Wohnhäusern beschlossen. Kurze Zeit später, in der Sitzung vom 23.10.1934, verfügt der Stadtrat : „Die Stadtrandsiedlung am Berghäuschensweg (4. Bauabschnitt) soll mit Wasser- und Stromanschluss versehen werden.“. Am 13.11.1934 trägt der Oberbürgermeister vor: “Es ist dringend erforderlich, aus der Obdachlosensiedlung am Zoppenbroich eine Anzahl geeigneter Familien herauszunehmen und sie zum....Teil in der städtischen Siedlung Meertal unterzubringen. Zu diesem Zweck soll in der Siedlung Meertal der Wagenschuppen....so umgebaut werden, dass sieben Wohnungen mit 14 Zimmern entstehen.“

In der Sitzung vom 18. Dezember 1934 beschließt der Stadtrat unter Tagesordnungspunkt 10: „Nachdem am Grünen Wege bereits eine Anzahl Siedlungshäuser errichtet ist und nunmehr auch die Wasserleitung bis zur Kölner Landstrasse durchgelegt werden soll, ist die Festsetzung einer Fluchtlinie notwendig, damit die Lage der Wasserleitung für die Zukunft gesichert und die Grundlage für die weiteren Anbaugenehmigungen geschaffen wird. Die Straßenbreite ist mit zwölf Metern vorgesehen, dazu kommen beiderseits je fünf Meter breite Vorgärten. An der Kölner Landstrasse soll die Einmündung des Grünen Weges weiter zur Stadt hin verlegt werden, um den jetzt vorhandenen, spitzen Mündungswinkel zu beseitigen und der Strasse eine gestreckte Richtung zu geben.“ So weit die Amtsformulierungen.

Dass die frühen Siedler der damaligen „Grünwegsiedlung“ eine ganze Menge Pioniergeist mitbringen mussten und sich auch von widrigen Verhältnissen nicht unterkriegen ließen, belegt folgender Artikelausschnitt aus der Neuß-Grevenbroicher Zeitung vom 15. November 1949: „Die Grünwegsiedlung bietet um diese Jahreszeit ein trostloses Bild. Die Wegeverhältnisse, die bisher nur notdürftig angelegt wurden, sind bei Regenwetter ohne festes Schuhwerk kaum begehbar. Die aufgeweichten Straßen mit den vielen Schlaglöchern und Schutthaufen bieten dem Passanten wahrhaftig keinen schönen Anblick. Da es in der ganzen Siedlung keine Straßen- und Wegebeleuchtung gibt, ist der Passant in der Dunkelheit den ungesunden und schlechten Straßenverhältnissen vollkommen ausgeliefert. Wahrhaftig eine vernachlässigte Siedlung. Scheinbar ist der Stadtteil ganz in Vergessenheit geraten. Eine Gasversorgung ist nicht vorhanden. Die Bevölkerung ist gezwungen, ständig mit Kohlen zu kochen, was bei der mangelhaften Zuteilung eine sehr sparsame Einteilung des Heizmaterials bedeutet.“

Doch die Nachkriegsprobleme bekamen die Siedler in den Griff, und schon im März 1955 zog es weitere Bürger nach Gnadental: Der erste Spatenstich für zehn Doppelhäuser in der Grünwegsiedlung vom Bund der Hirnverletzten wurde vollzogen. Mitglieder dieses Bundes stellten jedoch nicht den überwiegenden Bevölkerungsanteil der Grünwegsiedlung. Im Beschlussteil der Ratssitzung vom 19. Juni 1961 steht unter Punkt 4: „Antrag der Stadtverordneten Karrenberg, Vosdellen und Wolfrum von der CDU-Ratsfraktion vom 9. Juni 1961 auf Einführung der Bezeichnung „Neuß-Gnadental“ für ein im oben angegebenen Antrag näher bezeichnetes Gebiet im Süden der Stadt. Beschluss des Stadtrats : „Der Bezirk des Stadtgebietes, welcher sich aus den Grundstücken der Flur 21 ostwärts der Autostraße Neuß und den nordostwärts der Eisenbahnlinie Neuß-Köln und südostwärts der Autostraße Neuß belegenen Grundstücken der Flur 35 zusammensetzt, erhält die Bezeichnung Gnadental.

Dieser Bezirk wird begrenzt: im Norden durch den Scheibendamm von seinem Schnittpunkt mit der Autobahn Neuß an bis zur Einmündung des Sporthafens in den Rhein, sodann durch das Rheinufer bis zur Mündung der Erft; im Osten und Südosten durch den Verlauf der Erft von ihrer Mündung bis zur Eisenbahnlinie Neuß-Köln; im Südwesten durch die Eisenbahnlinie Neuß-Köln bis zur Autostraße Neuß; im Nordwesten durch die Autostraße Neuß bis zum Schnittpunkt mit dem Scheibendamm.“ Womit dann übrigens ganz nebenbei auch noch geklärt wäre, dass – entsprechend dem obigen Ratsbeschluss – der Napoleonshafen heutzutage richtigerweise eigentlich die Bezeichnung „Gnadentaler Sporthafen“ und nicht „Grimlinghausener Sporthafen“ tragen müsste.