Die Vergangenheit

Vom provisorischen Zeltplatz zur modernen Großstadt mit Charme

 

Neuss ist eine Stadt mit mehr als 2000jähriger Geschichte. Noch bevor die Römer am Zusammenfluss von Rhein und Erft im Jahre 16 vor Christus die ersten Zeltpflöcke in den Boden schlugen, siedelten hier im Meertal germanische Stämme. Wir wissen nicht, wie sie die Fremden aus dem Süden empfingen. Sicher ist, dass viele der von den Römern mitgebrachten neuen Techniken gerne übernommen wurden: Man profitierte vom Steinbau, bewunderte die kunstvollen Glas- und Bronzegefäße und machte sich die Kenntnisse in der Bestellung der Landwirtschaft zunutze. Die Fruchtbarkeit der Erftaue rund um Neuss diente spätestens seit Ankunft der Fremdlinge, die dann so rasch heimisch wurden, zur Versorgung der hier lebenden Menschen. Um das Jahr 50 ist aus dem provisorischen Zeltplatz römischer Legionäre ein fester Standort geworden: mit Kommandantur, Lazarett, Tempeln und einigen luxuriösen Einrichtungen wie Bad und Clubs. Römische Legionäre hatten inzwischen niedergermanische Mädchen geheiratet und waren damit zu Urahnen der Familie Schmitz geworden. Dem Lager hatte sich eine Zivilvorstadt zugesellt: Keimzelle des späteren mittelalterlichen Neuss. Grabbeigaben, die heute in der Römischen Abteilung des Clemens-Sels-Museums aufbewahrt werden, belegen Reichtum und Vielfalt der Kultur jener Epoche. Zu den schönsten Stücken zählt ein Bergkristallring. Man fand ihn nach dem zweiten Weltkrieg im Grab eines jungen Mannes mitten im Geschäftszentrum der heutigen Stadt. Wie viel Geschichte mag in dem wuchtigen und auf der abgeflachten Oberfläche doch so kunstvoll gestalteten Stück stecken! Hat die Hand, die er einst schmückte, ein Schwert geführt, eine Standarte gehalten, ein Pferd gezügelt? Der Abzug der Römer aus Novaesium war weniger bedingt durch ein Vordringen der Germanen. Vielmehr setzten Unruhen an den östlichen Grenzen des Imperiums der Herrschaft am Rhein ein Ende. Man brauchte die Truppen an anderer Stelle. Die Franken mieden die aufgelassenen Plätze. Ihnen lag mehr die freie Natur. Nur wenige Spuren belegen ihre Anwesenheit in Neuss. Erst zu Beginn des 9. Jahrhunderts erhellt sich das Dunkel der Geschichte. Aus dem Norden drangen über den Wasserweg die Wikinger vor. Sie trugen Unruhe in die friedliche Landschaft, bewirkten, dass Geschichtsschreiber und Chronisten ihre Anwesenheit notierten und damit eine erste Kenntnis von der Existenz des frühmittelalterlichen Neuss vermittelten. Von nun an mehren sich Erwähnungen und Urkunden. Der Bau einer großen Stadtmauer mit Türmen und Toren, die um 1200 vollendet ist, dokumentiert Werden und Wachsen der Stadt, aber auch deren Bedeutung. Sichtbarstes Zeichen wehrhaften Bürgerstolzes ist das bis heute erhaltene wuchtige Obertor, während sich die Treue zum angestammten Glauben und die Verehrung des Stifts- und Stadtpatrons Quirinus im 1209 begonnenen Münster ein Denkmal setzte. Nach alter Überlieferung soll im Jahre 1050 die Neusser Äbtissin Gepa die Reliquien des Heiligen in Rom von ihrem Bruder Papst Leo erhalten und nach Neuss gebracht haben. Quirinus wird in Neuss bereits vor der Übertragung seiner Gebeine verehrt und in der Märtyrergeschichte als "Tribun" bezeichnet, als aus dem Ritterstand kommender Stabsoffizier. Zur Bewachung von Papst Alexander (105 - 115) und des mit seiner Familie zum Christentum bekehrten römischen Stadtpräfekten Hermes abkommandiert, beeindruckten ihn Glaube und Standfestigkeit seiner prominenten Gefangenen. Quirinus entsagte der heidnischen Götterwelt und folgte mit seiner Tochter Balbina dem Christentum - es kostete ihn den Märtyrertod. In einer der vielen römischen Katakomben wurden seine Gebeine bestattet. Das Neusser Quirinusmünster ist der letzte große spätromanische Bau am Rhein mit deutlich erkennbaren Zeichen des neuen gotischen Stils. Der hohe Münsterturm und die aus der Barockzeit stammende Kuppel mit dem Standbild des Quirinus prägen auch heute noch die Silhouette der Stadt. Gefährdet war das Bauwerk zu vielen Zeiten, besonders, wenn Krieg die Lande am Rhein bedrohte. Die Belagerung durch Herzog Karl den Kühnen von Burgund war ein solches Ereignis. Von Juli 1474 bis Juni 1475 berannten die Truppen des damals mächtigsten Fürsten Europas Neuss - vergebens. Die Mauern hielten stand. Ursache für die Belagerung waren Bestrebungen der Herzöge von Burgund, auf Kosten des Deutschen Reiches und Frankreichs zwischen Nordsee und Alpen ein Groß-Burgundisches Reich zu errichten. Zwölf Monate lang widerstand Neuss dem Ansturm der zu dieser Zeit modernsten Armee Europas und erhielt dafür von Kaiser Friedrich (1440 – 1493). begehrte Privilegien wie das Münzrecht. Die Stadt führt seither den Reichsadler in ihrem Wappen. 110 Jahre später fiel die stolze Stadt durch List kampflos den Truppen des abtrünnigen Kölner Erzbischofs Gebhard von Truchseß in die Hände. Bei der Wiedereroberung 1586 durch den Fürsten Alexander Farnese, Herzog von Parma, kam es zu einer Feuersbrunst. Mehr als zwei Drittel von Neuss wurden vernichtet, darunter fast alle bedeutenden Gebäude mit ihrem Inventar. Das Münster erlitt schwerste Schäden. Das Schicksal der Stadt wurde allgemein bedauert, jedoch mischte sich in das Mitgefühl auch leiser Spott. Zu sehr hatten sich die Neusser nach dem Erfolg ein Jahrhundert zuvor in Sicherheit geglaubt. Bedauerlich war der Verlust der einst mächtigen Vorrangstellung infolge dieses Religionszwistes, auch das Münzrecht entfiel. Auf Jahrzehnte blieb der Weg in die Zukunft ungewiss. Nur langsam erholte sich die Stadt. Der Wiederaufbau schleppte sich hin. Betroffen von den Schäden des Kölner Krieges waren vor allem die Befestigungsanlagen. Ein Umstand, der sich im 30jährigen Krieg bemerkbar machte. Kampflos musste sich Neuss 1643 auf eine Besetzung durch hessische Truppen einlassen, die erst 1651 die Stadt wieder verließen. Die anschließende Friedenszeit war nur von kurzer Dauer. Das Jahrhundert blieb unruhig. Neue kriegerische Verwicklungen und ein Bündnis des Kölner Kurfürsten Max Heinrich mit Ludwig IX führten 1672/73 und 1678 Franzosen in die Stadt. Der Krieg zwischen Frankreich und Österreich um die spanische Erbfolge, der 1701 ausbrach, ließ die Neusser abermals Bekanntschaft mit französischem Militär machen. Erst mit dem Ende des Erbfolgekrieges 1714 begann sich das Leben zu normalisieren, regte sich neuer Baueifer. Die historischen Häuser am Auslauf der Michaelstraße wurden damals errichtet. Auch die Sebastianuskirche stammt aus dieser Zeit. Eine jähe Zäsur brachten die Folgen der Französischen Revolution von 1789. Am 4. Oktober 1794 erschien die Vorhut des republikanischen Heeres unter Führung des Generals Bernadotte vor den Toren von Neuss. Huldigungen, Aufrichten eines Freiheitsbaumes, Hissen der Trikolore, aber auch Widerstand im Untergrund: Es wurde manches anders, auch positiver. Die neue Gerichtsverfassung und die Vereinheitlichung des Rechts waren Errungenschaften, die in der nachfolgenden preußischen Zeit beibehalten wurden. Unbestreitbar ist die wirtschaftliche Besserung, von der Neuss in jenen Jahren profitierte. Sie wurde begleitet von der Ansiedlung protestantischer Unternehmer aus dem Bergischen. Die Gewerbefreiheit lockte, die günstige Lage bot Standortvorteile, das in der Verfassung verankerte Recht der freien Religionsausübung sorgte für eine geistig-geistliche Heimat, in der auch schließlich die wachsende jüdische Gemeinde einen Platz fand. Nach dem Sturz Napoleons erfolgte auf dem Wiener Kongress die Neuordnung der politischen Verhältnisse Europas. Ein Ergebnis war, dass die Rheinlande 1815 dem Königreich Preußen zugesprochen wurden. Dominierte zunächst im Neusser Stadtbild noch biedermeierliche Beschaulichkeit, so brachte doch der Abriss der einengenden Stadtmauer Luft und mehr Platz für neue Straßenzüge. Die Stadt erweiterte sich und fand durch den beharrlich vorangetriebenen Hafenausbau wieder Zugang zum Rhein. Industrie siedelte sich an, konstant mehrte sich die Einwohnerzahl. Zukunftssicher und mit berechtigtem Stolz auf die erreichten Leistungen feierte man in Neuss die Jahrhundertwende. Da unterbrach 1914 der Beginn des ersten Weltkrieges die so hoffnungsvollen Entwicklungen. Der zunehmende Mangel an Lebensmitteln, das Kriegsende mit nachfolgender Inflation und schlimme Jahre wirtschaftlicher Not brachten weite Kreise der Bevölkerung in arge Bedrängnis. Immerhin entwickelten sich beachtliche Leistungen im Wohnungs- und Siedlungsbau, die zum Teil heute noch einzelne Stadtteile prägen. Das breite Spektrum umfasst den Bauhausstil ebenso wie historisierende oder expressionistische Tendenzen. Abermals kam mit 1933 eine Zäsur, in deren Folge der zweite Weltkrieg das Neusser Stadtbild entscheidend veränderte. 1939, bei Ausbruch des Krieges, zählte Neuss 17 296 Wohnungen, bei Kriegsende 1945 waren nur noch 453 unbeschädigt. Wiederaufbau und Stadtplanung galten - von den historischen Gebäuden abgesehen - zunächst mehr den Außenbezirken. Die in zwei Jahrzehnten von 60 000 auf fast 120 000 Einwohner gewachsene Stadt, bedingt durch den Zustrom der Ostvertriebenen direkt nach dem Kriege, später der Flüchtlinge aus der DDR und der Gastarbeiter, musste dringend mit Wohnraum auf neuen Siedlungsflächen versorgt werden. Eine Entspannung des Siedlungsdruckes brachte die kommunale Neugliederung 1975 mit einer flächenmäßigen Verdoppelung des Stadtgebietes durch die Eingemeindung einiger Gemeinden mit insgesamt etwa 30 000 zusätzlichen Einwohnern. Durch die Ausweisung entsprechender Gewerbegebiete und den Ausbau des Hafens konnte auch die Wirtschaftskraft der Stadt mit dieser Entwicklung Schritt halten. Sie schuf die finanzielle Basis für den Bau entsprechender Bildungs- und Sozialeinrichtungen, Freizeit- und Verkehrsanlagen. Zusammenhängende Grünflächen gliedern das Stadtgebiet in überschaubare Stadtteile mit eigenständigen Bürgerinitiativen. So feiert in den Sommermonaten an fast jedem Wochenende ein anderer Stadtteil „sein“ Schützenfest. Das viertägige Schützenfest der Innenstadt Ende August mit 6 000 Musikern, Marschierern und Reitern ist der Höhepunkt des „Neusser“ Jahres mit einer Zeitrechnung „vor die Tage“ und „nach die Tage“. Mit der Stagnation der Einwohnerzahl zu Beginn der siebziger Jahre konzentrierte sich die Planung und der Einsatz der Finanzmittel auf den Stadtkern, der mehr und mehr attraktiver wurde. Durch die Erhaltung des mittelalterlichen Straßengefüges in der Altstadt und die Unterschutzstellung erhalten gebliebener Wohnviertel des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts wurden Maßstäbe für die Wohnungsneubauten gesetzt, die nach Verlagerung störender Gewerbebetriebe aus der Kernstadt auch innerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern entstanden. Diese für das Bild der Innenstadt wesentliche Maßstäblichkeit konnte mit wenigen Ausnahmen eingehalten werden. Pulsierendes Leben erfüllt die Fußgängerzonen, deren Achse der Hauptstraßenzug bildet. Er erschloss schon zur Römerzeit und im Mittelalter den Stadtkern.

 

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