Die Vergangenheit

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Frühe Höfe und Siedlungen

Der »alte Vater Rhein«: Heute liegt er unveränderlich in seinem fest gefügten Bett. Doch früher hatte er die Angewohnheit, seinen Lauf des Öfteren zu wechseln: Der jetzige Bereich Furth, Weissenberg und Vogelsang lag im Mittelalter in der Nähe des Stromufers. Kleine Flüsse und Bäche strömten den Seitenarmen zu; in diesem Gebiet entstanden Ackergüter wie Broichhof, Geulenhof, Flachshof, Buscherhof, Schroershof, Lauvenburg. Als Mittelpunkte dieser zerstreut liegenden Bauernschaften und Einzelhöfe bildeten sich zunächst die lockeren Ansiedlungen Neusserfurth, Weyhe und Weissenberg heraus.

Schon hier zeigt sich, dass von der »Nordstadt« streng genommen erst seit der Neugliederung 1913 geredet werden kann – denn die genannten Siedlungskerne gehörten zur Gemeinde Kaarst (Neusserfurth mit Buschhausen), zu Büderich (Weissenberg) und zu Neuss (Weyhe). Und schon vor mehr als 700 Jahren gab es Streit unter den Dreien um die Nutzungsrechte der ausgedehnten Wald-, Heide- und Sumpfgebiete dort – so belegen es Urkunden von 1248.

Drei Ursachen trugen wesentlich zur weiteren Entfaltung dieses Areals bei: Die alte römische Limesstraße führte von Neuss kommend schnurgerade auf die Furth zu. Sie gabelte sich dort (heute: Ecke Viersener Straße/Kaarster Straße); der nördliche Zweig lief nordöstlich an Kaarst vorbei in Richtung Kempen und weiter nach den Niederlanden. Er hatte als Handelsweg große Bedeutung. Der südliche Zweig war die »geldrische Landstraße«, welche über Willich nach Geldern führte. Zweitens leistete die uralte Further Herberge Schwan einen Beitrag zur Entwicklung des Siedlungsgebietes; drittens spielte die Zollhebestelle eine Rolle. Denn an der alten Limesstraße betrieben die Neusser seit Mitte des 15. Jahrhunderts eine Haupthebestelle für Landzoll. Dieser Landzoll war ein Durchgangszoll, und seine Bedeutung war besonders groß, da er in Geld und nicht – wie zu dieser Zeit sonst üblich – in Naturalien bezahlt werden musste. Für die Übernahme dieses landesherrlichen Privilegs musste Neuss im Gegenzug die Straßen und Brücken instandhalten sowie die Sicherheit der Reisenden garantieren. Von der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts bis 1793 wurde auf der Furth zusätzlich eine Zollnebenstelle betrieben. Man wollte nämlich verhindern, dass findige Händler die Hauptzollstelle umfuhren, um sich so vor dem Obolus zu drücken.

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Unter der Belagerung der Stadt Neuss durch Herzog Karl den Kühnen 1474/1475 hatten vor allem die Gebiete nördlich von Neuss zu leiden: Die Söldner raubten, brandschatzten und misshandelten alle Menschen, die nicht in die Wälder und Büsche geflohen waren. Die ganze Gegend wurde in diesen elf Monaten Belagerung verwüstet, und die Bewohner mussten Kriegsdienste und Abgaben leisten. Zu allem Überfluss lagerten an der Nordseite von Neuss noch 3.000 Lombarden, die das Landvolk ebenfalls nicht schonten. Die Lage Weissenbergs an der alten Limesstraße sollte sich nun als Nachteil erweisen, weil die Straße militärisch von Bedeutung und entsprechend von den plündernden Kriegsparteien frequentiert wurde.

Im so genannten Kölner oder Truchsessischen Krieg brach 1582 für den Neusser Norden eine noch schwerere Leidenszeit an. Denn dieser Krieg spielte sich zum großen Teil auf dem Gebiet des heutigen Kreises Neuss ab und bestand im wesentlichen in der Plünderung und Verwüstung der wehrlosen Dörfer. Kaarst und die Neusserfurth wurden besonders schwer mitgenommen. Dies geht aus Zeugnissen hervor, die von unbebauten, unverpachteten und brachliegenden Feldern sowie zerstörten Häusern berichten. So schrieb der Herr von Liedberg (zu dem auch Kaarst gehörte) 1585 an den Kölner Erzbischof: »Alles ist verderbt, verjagt, verstorben, umgekommen; die Dörfer sind verlassen, Land und Güter unbebaut, öd und wüst.«

Der Wiederaufbau begann langsam, doch während des Dreißigjährigen Krieges 1618 bis 1648 wurde das gerade aufgekeimte Pflänzchen der florierenden Wirtschaft erneut zertreten. Und als Anfang Oktober 1794 die Franzosen bis zum Rhein vordrangen, waren die Bewohner der Dörfer und Höfe erneut die Leidtragenden der Besatzung. Alle beweglichen Gegenstände, Frucht und Vieh, nahmen die Besatzer mit Gewalt weg. »Der eine oder andere von den Bürgern wurde gehauen oder gestochen; vor Angst und Schrecken verbargen sich manche Burbänner in Hecken und Sträuchern«, heißt es in den Aufzeichnungen eines Neusser Zeitgenossens. Die Unsicherheiten der Kriegszeiten und der wirtschaftlichen Krise trugen auch dazu bei, daß sich Räuberbanden bildeten, die das Leben der Landbevölkerung zusätzlich erschwerten – so zum Beispiel die Bande des berühmt-berüchtigten Fetzers, der sein Hauptquartier mehr als zwei Jahre auf der Neusserfurth aufgeschlagen hatte.

Als das Heer Napoleons in der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 vernichtend geschlagen wurde, deutete sich auch für den Neusser Norden das Ende der französischen Besatzungszeit an. Die Verbündeten Preußen, Österreicher und Russen drängten die Reste des einst glorreichen napoleonischen Heeres schnell zurück, und im Juni 1814 erwies der russische Zar Alexander der Furth und der Stadt Neuss die Ehre seines Besuches.

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Nach der Niederlage Napoleons fällten die Siegermächte folgenreiche Entscheidungen, welche die politischen und territorialen Grundlagen Europas für das 19. Jahrhundert festlegten. Die in Besitz genommenen Gebiete wurden politisch neu eingeteilt in Provinzen, Bezirke und Kreise. Für den Neusser Norden waren die Änderungen marginal: Es existierten nach der Neuregelung immer noch drei politische Gemeinden. Die Bürgermeistereien Kaarst, Büderich und Neuss bildeten unter dem Vorsitz eines Landrates mit zwölf weiteren Bürgermeistereien den Kreis Neuss, und zwar innerhalb des Regierungsbezirkes Düsseldorf. Neusserfurth und Buschhausen blieben weiterhin Ortschaften von Kaarst, und das Haus Vogelsang wurde fortan auch zum Kaarster Gebiet gezählt. An der Zuordnung von Büderich-Weissenberg änderte sich ebenfalls nichts, und der Grenzverlauf des Neusser Burgbanns blieb von der Neuordnung auch unberührt.

In den Kaarster Ortschaften Neusserfurth, Buschhausen und Vogelsang wurden bei der preußischen Volkszählung von 1816 insgesamt 177 Einwohner registriert, und die Einwohnerzahl von Weissenberg betrug zur gleichen Zeit 162. Es ist also durchaus anzunehmen, dass zu Beginn der preußischen Zeit die Bevölkerung des Neusser Nordens – selbst wenn man die Einwohnerzahl des nördlichen Burgbannes wegen der dichter besiedelten Ortschaften Weyhe und Neusserbroich ziemlich hoch einschätzt – 500 kaum überstiegen haben dürfte. Erst nach Mitte des 19. Jahrhunderts hat sich das Bild der locker besiedelten und rein landwirtschaftlich orientierten Ortschaften des Neusser Nordens geändert.

Dieser Wandel war eng mit der Entwicklung der Stadt Neuss verknüpft. Zu der einsetzenden Stadterweiterung trug als erstes der noch im Jahr 1804 begonnene Abbruch der mittelalterlichen Stadtbefestigungsanlage bei. Schon während der Franzosenzeit waren große Teile des Niedertores abgebrochen worden, weil von der Stadt in Richtung Neusserfurth eine breite Straße angelegt werden sollte. Die eigentlichen Motorender Stadterweiterung sollten aber der Bahnhof und der Hafen werden. Die Eisenbahndirektion errichtete 1854 zunächst ein provisorisches Stationsgebäude etwas nördlich von dem damaligen katholischen Friedhof (heute: Marienkirche); im Laufe der Jahre entwickelte sich Neuss zu einem Eisenbahnknotenpunkt, und durch die nördliche Lage des Bahnhofs verschob sich das wirtschaftliche Zentrum vom Obertor über das ehemalige Niedertor hinaus – und damit in das Gebiet der heutigen Nordstadt.

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1881/82 kam es zu umfangreichen Vertiefungs- und Verbreiterungsarbeiten am Erftkanal, weil die immer größer werdenden Dampfschiffe die Stadt nicht mehr erreichen konnten – vor allem nicht bei Niedrigwasser. Im Laufe der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung wurden dann vier parallel zum Erftkanal verlaufende und mit ihm verbundene Hafenbecken angelegt. Der Ausbau des Hafens und die damit einhergehenden Industrieansiedlungen sind die Gründe für die Entstehung des Barbaraviertels. Bis um die Jahrhundertwende wurde dieses Gebiet hauptsächlich als Ackerland genutzt. Einzig das Leprosenhaus (erstmals 1346 schriftlich erwähnt) und die Barbarakapelle waren bis dahin dort von Bedeutung. Firmen ließen sich nieder und schufen für ihre Arbeiter und Angestellten Wohnraum in der Nähe ihres Arbeitsplatzes: am Hafen.

Auch die Stadt trieb die Bautätigkeiten im Barbaraviertel mit großem Elan voran – sowohl durch ihre Industrie-Ansiedlungspolitik als auch durch den Bau des Schlachthofes 1904/1905, der sogleich dem ganzen Viertel seinen Namen gab. Die städtische Initiative trug schnell Früchte, denn in den kommenden sieben Jahren ließen sich vierzig neue Betriebe am Schlachthof nieder – darunter große und bedeutende Werke wie Bleichert, Schraubenfabrik Fissiné, Lackfabrick Thywissen, Groove und Welter sowie die chemische Fabrik Dr. Höhn. Die rapide Industrialisierung des Viertels gab natürlich weiter Anstöße für die fortschreitende Wohnbebauung. Als Ergebnis entstand das typische Bild dieses schmalen und langgedeckten Viertels mit seinen erheblichen Baulücken und zum größten Teil nur einseitig bebauten Straßen, die mit Betrieben durchsetzt sind.

Die große Bedeutung der Industrie soll an drei weiteren Beispielen verdeutlicht werden: 1896 nahmen die »Neusser Margarinewerke« an der Further Straße mit sechs Beschäftigten ihren Betrieb auf. Bis 1918 stieg die Mitarbeiterzahl auf 328, und 1922 war die Rekordhöhe von 565 erreicht. Für den Anbau von Weißkohl eigneten sich vor allem die nördlich von der damaligen Stadt liegenden schweren Ackerböden. Dadurch ist es zu erklären, daß es im Neusser Norden schon kurz nach der Jahrhundertwende fünf Sauerkrautfabriken gab. Die Firma Sand in Vogelsang hatte 1925 48 Mitarbeiter und war damit der größte Sauerkrauthersteller der Stadt. Schon 1875 wurde von Christian Schaurte und Georg Bauer das bekannteste Unternehmen im Neusser Norden gegründet: Bauer & Schaurte. In den dreißiger Jahren galt die Fabrik als das größte Schraubenwerk Deutschlands und hatte über 2.200 Mitarbeiter.

Mit der kommunalen Neugliederung ab 1909 wurde der Grundstein zur Entstehung der heutigen Nordstadt gelegt. In diesem Jahr überließen die Düsseldorfer den Neussern für einen Betrag von 100.000 Mark einen rund 56 Hektar großen Teil der Gemeinde Heerdt – ein strategisch kluger Kauf, denn auf diesem Gelände am Erftkanal befanden sich große städtische Grundstücke, der Neusser Übergabebahnhof und die Ring- und Hafenbahn. Ebenfalls 1909 wurde Büderich-Weissenberg mit seinen 771 Einwohnern Neuss zugesprochen, und die Neusserfurth mit Buschhausen sowie dem Haus Vogelsang (405 Einwohner) wurde der Gemeinde Kaarst 1913 für 50.000 Mark abgekauft. Das neue Stadtgebiet wurde gleich 1910 durch eine 4,7 Kilometer lange Straßenbahnstrecke von Schmalbach (Viersener Straße) bis zum Alexianer angebunden – ein großer Erfolg, denn schon 1911 ließen sich 1.379.061 Fahrgäste mit dem neuen Verkehrsmittel befördern.

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Auch der Neusser Norden wurde von den beiden Kriegen hart getroffen. Schon zu Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 wurden die Lebensmittel knapp; Brot gab es nur noch rationiert auf Karte. 1916 musste auf dem Gebiet des städtischen Schlachthofes eine Notküche eingerichtet werden, wo täglich etwa 5.000 Menschen mit einer warmen Mahlzeit versorgt werden konnten. Zum ersten Mal trat ein Wohnungsproblem auf, zu dem sich in den zwanziger Jahren noch das Arbeitslosenproblem hinzugesellte. In diese Zeit fiel die Errichtung der Siedlung Zoppenbroich für Erwerbslose und der Beginn des Baues von Stadtrandsiedlungen – zum Beispiel die Brückerfeldsiedlung mit 32 Wohneinheiten. Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte sich die Wohnungsnot noch dramatisch verstärken: Ein Drittel aller Behausungen waren zerstört, die Flüchtlingswelle rollte auf die Nordstadt zu, und die Besatzungsmacht beschlagnahmte viele Wohnungen für eigene Zwecke.

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Eine grundsätzliche Änderung trat erst zu Beginn der fünfziger Jahre ein. Ein großer Aufschwung war vor allem in der baulichen Entwicklung der Neusser Nordstadt zu beobachten. Ganze Stadtzellen wurden aus dem Boden gestampft – so in Vogelsang und Weissenberg. Eine Vielzahl von kommunalen Bauten kam hinzu: Ein Frei- und Hallenbad am Nordpark, das Johanna-Etienne-Krankenhaus, eine Bezirkssportanlage und Mehrzweckhalle sowie eine Reihe neuer Schulen. Quetschten sich schon in den Sechzigern Fahrzeugkolonnen durch das Nadelöhr Bahngleise/Further Straße, schuf die Stadt nun Straßenanbindungen zu Neuss über die Stephanstraße und die Brücke an der Düsseldorfer Straße.

Im Zuge der Neugliederung 1975 erhielt die Nordstadt ihre bis jetzt bestehenden Grenzen: Sie wuchs um ein 57 Hektar großes Gebiet an der Autobahn (von Büderich), von Kaarst kamen die Gebiete Brücke und Kaarster Heide hinzu. In den 90er Jahren sind viele Quartiere modernisiert worden, das Kolpingviertel erhielt einen besonders charmanten Anstrich und das Gelände des ehemaligen Containerbahnhofs hat 2008 dem barrierefreien Wohnquartier „Südliche Furth“ mit einer großzügigen Wohnbebauung Platz gemacht. Geändert hat sich auch das Gesicht des Hauptstraßenzuges der Furth. 2001 wurde mit dem Umbau des Abschnitts zwischen Neusser Weyhe und Berliner Platz begonnen, eine Operation am „offenen Herzen“, d.h. bei laufendem Verkehr. Heute ist der gesamte Straßenzug vom Bahnhof bis zum Ortsausgang modernisiert und städtebaulich deutlich aufgewertet. Auch rund um den Bahnhof hat sich etwas getan. Im Jahr 2000 startete der Initiativkreis Nordstadt sein Projekt „Lichterbrücken - Tor zur Nordstadt“ zur besseren Ausleuchtung der Bahnhofsunterführung. Der Gare du Neuss in den historischen Hallen des Güterbahnhofs stellt sich heute als traditioneller Trödelmarkt mit Vintage-Café und Veranstaltungshalle dar. Und seit 2005 ist das neue Jobcenter an der Karl-Arnold-Straße Anlaufstelle und Vermittlungszentrum für Arbeitsuchende.

Weiter ausgebaut wurde das 1968 errichtete Johanna-Etienne-Krankenhaus mit heute 418 Betten in acht Fachabteilungen. Es versorgt jährlich rund 15000 stationäre und rund 40000 ambulante Patienten. Im Jahr 2003 konnte der Neubau einer Intensivstation eröffnet werden.  Ein Jahr später erfolgte der organisatorische Zusammenschluss mit den Augustinus-Kliniken und 2011 wurden weitere umfangreiche Erweiterungs- und Umbauarbeiten mit der Neustrukturierung der Zentralambulanz, dem Ausbau des Operationstraktes und dem Neubau der Palliativstation realisiert. Modernste medizinische Versorgung vor Ort für die Nordstadt.

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