Die Vergangenheit

Reuschenberg: Von der preußischen Hebegeldstelle zur Gartenvorstadt im Grünen

Wie eine Neusser Flurkarte von 1811 ausweist, ist der Stadtteil Reuschenberg im Wesentlichen auf dem Gebiet des Jahrhunderte alten Niederhofes (Nierenhof) gewachsen, der in der Erftniederung oberhalb des Dorfes Selikum gelegen war. Er umfasste etliche Morgen Ackerbau- und Grünflächen, die sich größtenteils außerhalb des früheren Neusser Burgbanns befanden. Interessant ist, dass trotz dieser Dominanz nicht der Niederhof dem heutigen Stadtteil seinen Namen gegeben hat, sondern das im benachbarten Selikum ansässige Geschlecht derer von Reuschenberg.

Überhaupt scheinen zu dieser Zeit beide Namen und Entwicklungen eng miteinander verbunden gewesen zu sein. In einer Übungskarte eines preußischen Armeekorps im Raume Neuss vom Jahre 1842 ist vom Dorf „Zelichom” (Nixhütte) mit benachbartem Rittersitz Reuschenberg die Rede. Verkehrstechnisch gesehen war das westliche Neuss bis Anfang des 19. Jahrhunderts im Bereich des heutigen Reuschenberger Kirmesplatzes zu Ende. Das anschließende Gillbacher Ländchen hatte – von unbefestigten Wegen abgesehen – praktisch nur über die 1841 ausgebaute Straße von Reuschenberg nach Holzheim Verbindung mit der Stadt. Sowohl in Neuss als auch in den umliegenden Bürgermeistereien bestand zu diesem Zeitpunkt jedoch schon darüber Einigkeit, dass ein erfolgreicher Handel sich nur über gut ausgebaute Straßen würde entwickeln können. Als davon schließlich auch die zuständigen Regierungsstellen überzeugt waren und Gelder von König Friedrich Wilhelm IV, interessierter Gutsbesitzer und aus dem Stadtsäckel flossen, erfolgte nach „Allerhöchster Ordre” im Dezember 1846 der Auftrag, den „Neuß-Bergheimer-Communalweg“ über Eppinghoven und Speck bis zur Gohrer Gemeindegrenze auszubauen.

Schon bald nach seiner Fertigstellung im Jahre 1849 wurde per Amtsblatt das „betheilige Publikum” davon in Kenntnis gesetzt, dass für die „Neuß-Bergheimer-Communal-Chaussee an der Hebestelle das tarifmäßige Barrieregeld zur Hebung kommen wird”. Mit diesen Einnahmen sollte der künftige Unterhalt der Chaussee gesichert werden. In der Gegend, wo heute die Straße „An der Barriere” auf die Bergheimer Straße stößt, richtete die Stadt noch im selben Jahr eine Station zum Einkassieren der Straßenbenutzungsgebühren ein. Die „Barriere” bestand zunächst aus einem einfachen Holzhäuschen, das kurze Zeit später von einem massiven Ziegelraum ersetzt wurde. Der davor installierte Schlagbaum erhielt einen Anstrich in den preußischen Farben weiß und schwarz. Jeder Straßenbenutzer war verpflichtet das „tarifmäßige Wegegeld”, dessen Höhe aus den vorliegenden Quellen leider nicht hervorgeht, zu entrichten. Kredit gab es nicht, auch noch keine Dauerkarte. Eine Umfahrung der Hebestelle kostete den zehnfachen Betrag. Vertreter von Fürstenhäusern durften kostenlos passieren, der Landrat und der Bürgermeister der Stadt Neuss erhielten Freikarten. Das Einkassieren der Gebühren oblag „Barrieregeldempfängern”. Sie hatten zusätzlich die Station in Ordnung zu halten und die öffentliche Pumpe zu beaufsichtigen. Im Jahr 1902 war bereits eine kleine Restauration eingerichtet. Die Einnahmen der Wegegeld-Station wurden nach Abzug der Kosten für Beleuchtung und Gebäudeunterhaltung aufgeteilt: die Stadt erhielt 50 Prozent, den Rest teilten sich die jeweiligen Eigentümer von Gut Eppinghoven und der Pächter der Hebestelle. Anfang des 20. Jahrhunderts machte der wachsende Eisenbahnverkehr den Straßen immer mehr Konkurrenz.

Das heutige Reuschenberg blieb bis zur Gründung einer ersten geschlossenen Siedlung im 20. Jahrhundert fast ausschließlich landwirtschaftlich genutzt. Eine Ausnahme bildeten lediglich einige gewerblich betriebene Sandgruben und die Gastwirtschaft „Zur Barriere”. Sogar noch im Jahr 1911 ist in einem Übersichtsplan der Stadt Neuss neben dieser Wegegeld-Station sowie den Gebäuden des Nierenhofes und eines kleineren Besitzes, dem Hemselhöfchen, keine weitere Bebauung verzeichnet. Mit dem Kauf des Gutes Nierenhof wurde die Stadt Neuss 1912 gleichzeitig Eigentümerin der Ländereien im Bereich des heutigen Reuschenberg. Die landwirtschaftliche Nutzung blieb noch lange Jahre unter den verschiedenen Pächtern bestehen.

Eine Veränderung zeichnete sich erst Anfang der 30er Jahre ab, als allgemeine Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit immer schlimmer geworden waren. Um den betroffenen Menschen ein Dach über dem Kopf zu bieten, wurden im Rahmen staatlicher Notverordnungen niedrig verzinsbare Reichsdarlehen bereitgestellt. Am 1. Dezember 1931 legte der Rat einen Plan vor, mit Hilfe dieser Mittel und dem Einsatz des freiwilligen Arbeitsdienstes auf städtischen Grundstücken an der Bergheimer Straße 23 Siedlerstellen zu errichten. Die Ausgabe der Gelder war an feste Richtlinien gebunden. So sollten die jeweiligen Siedlerstellen mit 600 bis 5000 Quadratmetern so groß sein, dass „die Beschaffung des Lebensunterhalts für die Familie des Erwerbslosen durch den Ertrag des Grundstückes wesentlich erleichtert wurde”.

Mitte 1932 erfolgte der Spatenstich zum Projekt „Randsiedlung”, bereits im September desselben Jahres wurde das kleine Viertel im Bereich der heutigen Finken-, Drossel- und Bergheimer Straße feierlich eingeweiht. Es erhielt nach der ehemaligen Wegegeldstation den Namen „Am Schlagbaum”. Je nach Familiengröße hatte jedes Haus vier bis fünf Räume. Der angeschlossene Stall sollte ein Schwein, eine Ziege und zehn Hühner beherbergen, im Garten 15 Obstbäume und zehn Beerensträucher gepflanzt werden.

Zu Anfang musste sich die Siedlerfamilie arg bescheiden. Elektrisches Licht und Wasserleitungen waren noch nicht verlegt, so dass Petroleumlampen und Wasserzapfstellen benutzt werden mussten. Für die Kinder lag die nächste Schule weit entfernt, die Zufahrtswege waren noch nicht ausgebaut. Ihre Lebensmittelversorgung mussten die Siedler weitgehend selbst in die Hand nehmen. Schon bald wurde mit der Errichtung weiterer Siedlerstellen begonnen, so dass im Jahr 1935 „Am Schlagbaum” etwa 60 Häuser standen.

Aufgrund der weiterhin bestehenden großen Wohnungsnot entschloss sich die Stadt Neuss, zwischen der neuen Siedlung und dem Stadtkern eine bauliche Verbindung zu schaffen. Der erste Spatenstich für die geplante „Gartenvorstadt” Reuschenberg erfolgte am 13. März 1936 auf dem heutigen Grundstück Veilchenstraße 43. Die Planung sah den Bau von 350 Eigenheimen vor, die in erster Linie für Arbeiter und Angestellte der Neusser Industrie gedacht waren. Im Dezember desselben Jahres konnten die ersten Siedler einziehen. In den folgenden Jahren stand die Gartenvorstadt Reuschenberg im Mittelpunkt der städtischen Bautätigkeit. Weitere Siedlungshäuser und eine Vielzahl von Straßen entstanden: Rosen-, Tulpen-, Nelkenstraße und so weiter. Praktisch wurde fast das gesamte Gebiet im nordwestlichen Reuschenberg erschlossen und in mehreren Bauabschnitten besiedelt. Die Finanzierung wurde dadurch erleichtert, dass an die Neusser Gemeinnützige Bauverein AG als Siedlungsträger in größerem Umfang städtische Darlehen vergeben werden konnten. Zwei bis drei Jahre nach Beginn der Bebauung begann die Vorstadt, sich weiter östlich auszudehnen (Lupinen-, Enzian-, Melissen- und Weinstockstraße). Die Erbauer gingen dabei mehr und mehr vom ursprünglichen Siedlungstyp ab und konzipierten eine Gemischtbebauung von Kleinsiedlungen (mit Gartenbewirtschaftung und Kleinviehhaltung), Eigenheimen (ohne eine derartige Verpflichtung) und eine größere Zahl Volkswohnungen.

Fortschritte machte auch die Infrastruktur des neuen Stadtteils. Die zum Teil von den Siedlern selbst gebauten Straßen bekamen nach und nach bessere Ausstattungen, eine Buslinie verband die Stadt mit Reuschenberg und Weckhoven. Die Polizei war mit einem Posten präsent, eine provisorische Ladenzeile versorgte die Anwohner mit dem Notwendigsten. 1938 wurde die erste Schule eingeweiht. Lediglich für eine Kirche war in der nationalsozialistischen Mustersiedlung angeblich kein Platz. Trotzdem entwickelte sich ein reges Gemeindeleben mit Seelsorgerstunden und Pfarrbücherei. In Reuschenberg bestimmen nach wie vor die Siedlungshäuser der früheren „Gartenvorstadt” das Ortsbild. Dieses ist nicht selbstverständlich, denn beim Neubauprogramm des im letzten Weltkrieg von schweren Luftangriffen heimgesuchten Stadtteils konnte die ursprüngliche Siedlungskonzeption nicht aufrechterhalten werden. Die Wohnungsnot machte die Errichtung größerer Einheiten notwendig. So baute die Neusser Gemeinnützige Bauverein AG Anfang der 50er Jahre eine Vielzahl mehrgeschossiger Gebäude, der Verein der Kriegs- und Wehrdienstopfer ließ ebenfalls mehrere Häuser errichten. Sie fügten sich jedoch so gut in die bestehende Bebauung ein, dass Reuschenberg durch seine aufgelockerte Besiedlung ein bevorzugter Wohnstandort geworden ist.

Selikum: Von der mittelalterlichen Augustiner-Wohnstätte zum Cornelius-Wallfahrtsort

Am 5. Oktober 1814 „ertrank hier der hochwohlgeborene Herr J. H. Arnold von Braumann zu Selikum, 43 Jahr alt und ledigen Standes. Er war der letzte seines Stammes, von jedermann geliebt und geschätzt wegen seiner Rechtschaffenheit und besondern Herzensgüte. Seine trostlose Mutter empfiehlt seine Seele dem frommen Andenken aller guten Kristen“. Das steinerne Mahnmal in Kreuzesform, das die untröstliche Mutter damals am Erftwasserfall nahe Selikum errichten ließ, kündet noch heute vom tragischen Unfall vor fast 200 Jahren. Die Geschichte des heutigen Neusser Stadtbezirks Selikum reicht jedoch Jahrhunderte weiter zurück.

Der langjährige Neusser Stadtarchivdirektor Joseph Lange hat das Auf und Ab von Dynastien, die Selikumer Ereignisse im Neusser Burgbann vor Jahren in einem Beitrag vor der Cornelius-Gesellschaft herausgearbeitet. Bemerkenswert auch die Untersuchung der Stadtarchäologie, für die Sabine Sauer Mitte der achtziger Jahre an den Fundamenten der Cornelius-Kapelle deren Anfänge im frühen 13. Jahrhundert festgemacht hat. Der bis jetzt bekannte erste schriftliche Hinweis auf den Stadtteil Selikum taucht im Jahre 1181 nach Christus im Zusammenhang mit der Gründung des Neusser Oberklosters auf.

Der Kölner Erzbischof Philipp von Heinsberg hatte in diesem Jahr dem Neusser Augustinerorden neben einem Wohnplatz an der heutigen Augustinusstraße gleichzeitig 70 Morgen Land in „Scleichheim“ (Selikum) überlassen. Diese „Regulierherren“ waren es dann, die in Selikum an der Erft einen Hof errichteten, der nach einem im 17. Jahrhundert dort wirtschaftenden Pächter Nixhof genannt wird. Viele ältere Neusser können den Begriff „en de Nixhött“ auch heute noch präzise nach Selikum zuordnen. Größere Bedeutung als der Nixhof erlangte der im Verlauf der Jahrhunderte immer wieder genannte Me(h)rhof. Aus seiner stattlichen Anlage mit großem Turmgebäude war etwa zwischen 1200 und 1300 ein Rittersitz entstanden. Seine Geschichte wurde in der Folgezeit bestimmt von wechselnden Geschlechtern, von Ritter Johannes de Mehren über die Familien von Wevelkoven, von Reuschenberg, von Braumann bis zur Familie von Boeselager. Diese Adelsfamilien, die auch das Patronat über die nahe Cornelius-Kapelle besaßen, schufen im Laufe der Zeit eine weit verzweigte Wohnanlage inmitten eines Systems aus Gräben und Weihern, sogar mit einem „eingelegten Lustgarten“.

Aus dem Hof wurde ein Gut, der ursprüngliche Bergfried wuchs zum Herrenhaus mit breitem Treppengiebel und hohem Mittelturm. Das schlossartige Gebäude, das jahrelang die Landfrauenschule der Rheinischen Landwirtschaftskammer beherbergte (später Lehranstalt mit Fachrichtung Ernährung und Hauswirtschaft), wurde in seiner letzten Form 1871 aus Backsteinen erbaut. An die früheren Adelsgeschlechter erinnern einige interessante Wappen. Eines vom Junker Johann von Reuschenberg in der Südwand des Hauses Selikum, ein Ehewappen des Johann Dietrich von Reuschenberg und seiner Frau Maria Barbara von Wendt zu Holtfeldt über dem Tor von Haus Selikum und ein Wappen des Barons Carl von Boeselager mit der Jahreszahl 1847 über dem Portal des Hauses.

Der Gutshof Selikum gegenüber der Cornelius-Kapelle entstand in seiner jetzigen Form im Jahr 1859, und zwar als Ersatz für den damals abgebrochenen alten Hof, von dessen Standort hinter dem Kapellchen noch viele Jahre Mauerreste zu sehen waren. Der Ende des 20. Jahrhunderts in zahlreiche Eigentums-Segmente umgebaute Hof ist mit den Pächternamen Offergeld, Iselin, Abels, Berg und Berger verbunden. Der alte Ortskern von Selikum bildete sich indes am Nixhof. Der lag an einer alten Verbindungsstraße von Grimlinghausen nach Holzheim. Die Einwohnerzahl war stets klein und wuchs auch im Laufe der Jahre kaum. Anfang des 18. Jahrhunderts wird der Ort als „klein Dorffgen“ bezeichnet. Die Rede ist von „wohl an 13 ad 14 Haußer indt Hoeffen“.

Die jüngere Entwicklung seit 1953 beschreibt Joseph Lange so. „Als die Planer . . . die ersten Bebauungsentwürfe zu Papier brachten, die dann mit Beschluss einer Ortssatzung 1955 durch den Rat endgültig fixiert wurden, war das der erste Schritt zur Bebauung eines Gebietes, das bis dahin reine Ackerflur war und von Bauern unterm Pflug genommen wurde, die in der Nähe auf uralten Höfen saßen. Gleichzeitig wurde ein Gebiet für die Bebauung freigegeben, das eingebettet ist in die reizvolle Landschaft der Erftaue, die bis dahin von Eingriffen nahezu völlig verschont geblieben war. Wie vor Jahrhunderten, verband die großen Höfe eine schmächtige Straßenzeile mit bescheidenen Häusern und kleinen Gehöften mit bunten Bauerngärten und Obstwiesen vor der mächtigen Baumkulisse der Ulmen, Pappeln, Weiden und Kastanien, hinter denen Schloß Reuschenberg und das Corneliuskapellchen von vergangenen Zeiten träumten.“

Allein von 1963 bis 1969 wurden im neuen Selikum 360 Eigenheime errichtet. Für die Straßennamen standen berühmte Maler Pate: Dürer, Cranach, Rembrandt und Ittenbach. Junge Familien kamen sich näher, bildeten Gemeinschaften für Kindergarten oder engagierten sich in der Cornelius-Gesellschaft, die bald auf stolze 400 Mitglieder anwuchs. Eine Eigendynamik, die auch für den Namen gebenden Heiligen und das ihm geweihte Kapellchen wie für den nahen Kinderbauernhof, der städtischen Einrichtung, gelten und auf die gesondert eingegangen werden soll.

Wenn im September, zumeist am ersten Wochenende nach Schützenfest, das Glöckchen an St. Cornelius die Wallfahrer willkommen heißt, unterzieht sich der neue Neusser Schützenkönig seiner ersten offiziellen Pflicht: Er schneidet die traditionelle „Appeltaat“ an, die schon vor Jahrzehnten zur Wallfahrt nach Selikum gehörte wie der Neuss-Selikumer Wallfahrtsweg entlang der Obererft.

Die bisherige Annahme, dass die Cornelius-Kapelle mit einer Stiftung eines Freifräulein von Reuschenberg anno 1573 begründet worden ist, hat Stadtarchäologin Sabine Sauer durch ihre Fundamentuntersuchungen widerlegt. Sie datiert, wie oben erwähnt, die Anfänge des Kapellenbaues in das frühe 13. Jahrhundert. Der Kölner Kurfürst Ferdinand allerdings genehmigte 1573 die genannte Reuschenberger Stiftung und übertrug die Kapelle mitsamt den dazugehörigen Liegenschaften und Einkünften dem Orden der Franziskaner zur gottesdienstlichen Betreuung. Nach deren Vertreibung übernahmen die Jesuiten die Stiftung. Unter ihnen entwickelte sich die Kapelle zu einer beliebten Wallfahrtsstätte. Die Neusser Jesuiten nahmen auch für sich in Anspruch, dass sie im Jahr 1692 die Cornelius-Reliquie nach Selikum gebracht hätten. In ihren Jahresberichten (den von Peter Stenmans transkribierten Litterae annuae) heißt es dazu: „Am Festtag des Hl. Kornelius machten wir eine feierliche Prozession zur Kapelle vor der Stadt, die dem heiligen Kornelius geweiht ist. Wir haben in Rom einen vollkommenen Ablaß erhalten und führten die neuen Reliquien dieses Heiligen (mit), die in einem Reliquiar eingeschlossen sind.“

Besonders bei Hungersnöten, Krieg und Seuchen suchten die Menschen aus Neuss und dem großen Umland Hilfe beim heiligen Cornelius, der besonders zur Abwendung von Seuchen angerufen wird und mit Quirinus, Hubertus und Antonius zu den vier rheinischen Marschällen zählt. In den folgenden Jahrhunderten blühte die Cornelius-Verehrung. Neusser Selikum-Wallfahrer passieren auch heute noch auf dem Weg zum heiligen Cornelius kurz vor dem Ziel ein 1638 von Johann Wilhelm von Reuschenberg zu Selikum und seiner Gemahlin Anna Maria von Bentinck gestiftetes Kapellchen, nach der dort aufgestellten Schutzmantelmadonna im Volksmund „Maria Rast“ genannt.

Im Jahre 1912 verkauften die letzten adeligen Besitzer, die Familie von Boeselager, den Besitz Schloss Reuschenberg einschließlich Kapelle an die Stadt Neuss. Nach Quirin, Dreikönigen und St. Elisabeth Reuschenberg als zuständige Pfarre ist jetzt die Hubertus-Pfarre für die Selikumer Kapelle verantwortlich. Das schmucke Kapellchen mit neugestaltetem Pilger-Vorplatz und Altar, mit einem interessanten Inventar, steht nicht nur während der Wallfahrtszeit (16. September Cornelius-Patronatstag) im Mittelpunkt. Ob zur Fahrradsegnung, zu Kindtaufen, Familienmessen oder einfach nur als Zuflucht an einem Wanderweg. Die Tür der Cornelius-Kapelle in Selikum ist tagsüber immer offen.

Während sich rund um Appeltaatefest und Wallfahrt die 1970 gegründete Cornelius-Gesellschaft besonders engagiert und heute das ganze Jahr über ihr umfangreiches Selikum-Programm veranstaltet, war es die Stadt Neuss unter Oberbürgermeister Herbert Karrenberg, die zum Thema Kinderbauernhof die Initiative ergriff. Ausgehend von der Erkenntnis, dass die nach dem Krieg einsetzende Aufgabe von Bauernhöfen im stadtnahen Umfeld die Kontakte zu Natur und Tierwelt besonders bei Kindern abzubrechen drohte, suchte auch die Stadt Neuss diesen bis dahin selbstverständlichen Kontakt zwischen Mensch, Natur und Tier, durch Schaffung einer geeigneten Freizeiteinrichtung zu erhalten.

Das Garten- und Friedhofsamt unter Karl Josef Knuppertz wurde Mitte der siebziger Jahre beauftragt, alle leerstehenden städtischen Höfe auf Eignung zur Einrichtung eines Streichelzoos, wie diese Vorhaben damals genannt wurden, zu untersuchen. Geradezu ideale Voraussetzungen für dieses Unterfangen bot dabei der Hof Königs in Selikum. Im Jahre 1856 am Stadtrand und im Wasserkontakt eines Seitenarmes zur Erft erbaut, seit 1912 im städtischen Besitz, wurde mit dem letzten Pächter des Hofes, Hans Königs, gleichzeitig auch der erste Leiter dieser neuen städtischen Einrichtung gefunden. 1976 folgte bereits die Genehmigung der Umwandlung des landwirtschaftlichen Betriebes in einen „Kinderbauernhof“. Der Hof selbst, seine angrenzenden Wiesenflächen und kinderfreundlichen Angebote wurden bald so populär, dass dieses spezielle Neusser Angebot positive Resonanz nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch in der lokalen und überregionalen Presse fand. Die Besucherzahlen übertrafen alle bis dahin gehegten Erwartungen. Allein im Juni und August des Jahres 1979, also vor und nach dem Sommerferien, kamen 4500 Kinder aus Schulen und Kindergärten nach Selikum.