Die Vergangenheit

Jungstein- bis Römerzeit

Daß der „Vater Rhein“ in den vergangenen Jahrmillionen des öfteren die Angewohnheit hatte, sein Bett zu wechseln, dürfte ein Grund für die frühen Spuren menschlichen Lebens im Gebiet Rosellen und Allerheiligen sein. Denn der Fluß speiste mit seinem Wasser auch dieses Gebiet und sorgte so für das Gedeihen von Tieren und Pflanzen – und damit auch des Menschen. Der Nomade der mittleren Steinzeit (ca. 10000 bis 4000 v. Chr.) muß dort seine Schilfhütten aufgeschlagen, sich von Fischfang und Pflanzensammeln ernährt haben. Funde von Steinklingen und -spitzen belegen die frühe Anwesenheit des Steinzeitmannes. Als in der Jungsteinzeit von etwa 4000 bis 1500 v. Chr. die Nomaden seßhaft wurden, war die Gegend um Rosellen wohl kein verlockendes Siedlungsgebiet: Die Kehrseite von „Vater Rheins“ Anwesenheit waren nämlich seine umfangreichen Ablagerungen von Sand und Sedimenten, die zusammen mit den vielen Wasserläufen und -armen keinen erfolgreichen Ackerbau versprachen. Aus dieser Periode sind auch kaum Funde bekannt. Ähnlich in der Bronze-, der Eisen- und der Römerzeit: Die feuchten Gebiete mit den teils versumpften Altarmen lockten niemanden zu einer dauerhaften Besiedlung in diese Region.

Unter Karl dem Großen

Schriftlich Überliefertes gibt es über die Orte Rosellen, Rosellerheide, Neuenbaum, Allerheiligen, Kuckhof, Gier, Elvekum und Schlicherum – die alle zum früheren Kirchspiel Rosellen („Kirchspiel“ ist der Bereich einer Pfarrei) gehörten – erst mit Beginn des ersten Jahrtausends: So sind in historischen Quellen die Ortsbezeichnungen Kuckinghoven (1050 – 1063), Elvencheim (1181), Roselden (1281) genannt. Doch die Endungen verraten, daß diese Ortschaften schon früher gegründet worden sein müssen: -heim und -hoven deuten auf fränkische Besiedlung hin, ebenfalls die Silbe -sel in Roselden (seli: Hof, Heim). Mit einiger Sicherheit sind die genannten Siedlungen im 5. bis 6. Jahrhundert n. Chr. von fränkischen Bauern gegründet worden. Unter Karl dem Großen reichten im 9. Jahrhundert die Grenzen des Frankenreiches bis zur Elbe, sämtliche Ortschaften waren also über Jahrhunderte dem Frankenreich zugehörig.

Im Jahr 1323 wurde der Kurfürst von Köln der neue Herr des Kirchspiels Rosellen. Gesteuert wurden die Geschehnisse allerdings vom Schloß Hülchrath aus, in dem der Amtsmann des Kurfürsten seinen Sitz bezogen hatte. Von Gewaltenteilung war damals noch keine Rede, und der Amtsmann konnte über Leben oder Tod eines Beschuldigten entscheiden. Das Kirchspiel Rosellen hatte dabei die Aufgabe – so ist es in einer alten Verordnung ausdrücklich bestimmt – die Utensilien für die Hinrichtung der Delinquenten selbst zum Gerichtsplatz hinzuschaffen: „St. Quirini Stifts Hof binnen Rosellen hat alle rader für die arme Sünder die geradert werden sollen zu verschaffen und herbeizuführen schuldig.“ Auch ein eigener Galgen gehörte zum Dorfbild. Er stand am Lohhof zwischen Pfannenschuppen und Wehl. „Wer in Hulchrath geit über die Brück, der kommt nicht zurück“ – so raunten die damaligen Bewohner der umliegenden Ortschaften in Furcht vor den teils drakonischen Strafen der Hülchrather Gerichtsbarkeit.

Als Karl der Kühne 1475 die Stadt Neuss belagerte und schließlich erfolglos wieder abziehen mußte, dürften die Bewohnern der umliegenden Höfe auch im Gebiet des heutigen Rosellen und Allerheiligen nicht so glimpflich davongekommen sein: Die Bauern mußten immer mit Überfällen marodierender Truppen rechnen, welche sich dann oft nicht nur mit Nahrungsmitteln eindeckten, sondern auch Haus und Hof der unfreiwilligen Gastwirte verwüsteten. So berichtet eine Landesbeschreibung des Amtes Hülchrath rückblickend, daß Höfe in Rosellerheide während des dreißigjährigen Krieges 1618 bis 1648 abgefackelt und dem Erdboden gleich gemacht worden sind: „Jungherr Ofenbergs genannt Spiegel 2 Hofstadt von letzt gewesenem Krieg abgebrannt und wieder zu Land gemacht. Desgleichen der Roseller Kirch und Johann Honns bei der Erfer auch damals abgebrannt und wieder zu Land gemacht.“

Zeit der Franzosen

Auch beim Einzug der Franzosen in Rosellen im Oktober 1794 war das nicht anders. Aufzeichnungen eines Norfer Pfarrers aus dieser Zeit belegen dies: „Dieser Tag war schrecklich für die ganze Pfarre, weil die Gallier eindrangen und alles ausplünderten.“ Während der Franzosenzeit gab es eine grundlegende Änderung in der Verwaltung: Im Mai 1800 wurden die kleineren Gemeinden zu Bürgermeistereien zusammengeschlossen. Norf und Rosellen gehörten ab diesem Zeitpunkt zur Bürgermeisterei Norf unter der Leitung eines Bürgermeisters (Maire). Das einstige Kirchspiel Rosellen wurde so zur Gemeinde Rosellen im Amt Norf. Zur Gemeinde Rosellen zählten auch weiterhin die heutigen Ortsteile Rosellerheide, Neuenbaum, Allerheiligen, Kuckhof, Schlicherum, Gier und Elvekum (letzteres zumindest teilweise; schon seit dem Mittelalter gehörte Elvekum teils zu Rosellen und teils zu Norf). Bis die Franzosen 1814 endlich auch die Gemeinde Rosellen verließen, hatte die Bevölkerung harte Zeiten zu durchleben.

Alles war auf die zahlreichen Kriege Napoleons ausgerichtet: Männer wurden ausgehoben (aus dem Gebiet Neuss fielen während dieser Kriege allein 250 Soldaten), Steuergelder aus den Bewohnern herausgepreßt, Soldaten wurden bei Privatpersonen einquartiert. Selbst die Landwirtschaft blieb vom Einfluß französischer Bevormundung nicht verschont: So wurden die Rosellener Bauern dazu gezwungen, Zuckerrüben anzupflanzen, denn Napoleon hatte jeglichen Import englischer Waren verboten (Kontinentalsperre), um die Engländer wirtschaftlich in die Knie zu zwingen. Nach dem Prinzip „Zuckerrüben statt Zuckerrohr“ sollte der Anbau der Rüben den Ausfall englischer Kolonialwaren ersetzen. Als dann 1815 die Franzosen von den Preussen abgelöst wurden, teilten diese das Rheinland in Regierungsbezirke ein und die Regierungsbezirke wiederum in Kreise. So fiel unter den Regierungsbezirk Düsseldorf der Kreis Neuss. Der Kreis Neuss bestand aus 15 Bürgermeistereien, darunter auch Norf (zu welcher auch die Gemeinde Rosellen mit den Ortsteilen Rosellerheide, Allerheiligen etc. zählte).

Die Weltkriege

Auch die beiden Weltkriege gingen nicht spurenlos an der Gemeinde Rosellen vorüber: Im ersten starben 24 Soldaten, im zweiten mußten 75 Soldaten und 15 Zivilisten ihr Leben lassen. Ältere Bewohner der Ortschaften erinnern sich noch mit Schrecken an die ständigen Luftangriffe der Tiefflieger und die langen Nächte in den Bunkern. Im März 1945 sprengte die Wehrmacht noch sieben Bachbrücken. Dadurch konnten die US-Truppen natürlich nicht mehr am Einmarsch gehindert werden. Nach dem zweiten Weltkrieg ist in Allerheiligen und Rosellen ein starkes Wachstum der Bevölkerung zu beobachten, das einhergeht mit einer allgemeinen Umorientierung. Lebten 1871 genau 1361 Menschen in der Gemeinde, so blieb diese Zahl bis zum Zweiten Weltkrieg recht konstant (1939: 1602).

In der Bundesrepublik

Doch 1957 waren es schon 2232, und bis zur der kommunalen Neugliederung 1975 setzte ein Zuwanderungsschub ein, der die Anzahl der Einwohner auf über 5000 anschwellen ließ. Mit den vielen Neubürgern und der neuen Zeit verlor die Landwirtschaft an Bedeutung. Waren noch bis zur Jahrhundertwende 50 Prozent der Allerheiligener und Rosellener Tagelöhner, 30 Prozent selbständige Bauern und 20 Prozent Handwerker, so mußten nach dem Krieg immer mehr Höfe ihre Scheunentore dicht machen. In Neuss entstand eine Vielzahl von Fabriken, zu denen es durch bessere öffentliche Verkehrverbindungen und den Siegeszug des Autos ein Leichtes war, zu gelangen.

Ein Beispiel für die Entwicklung der Infrastruktur zeigt die Straße von Allerheiligen nach Norf: Suchten dort nach dem Krieg noch die Hühner ihr Futter auf einem von Pfützen und Schlaglöchern überzogenem Lehmweg, so schoben sich dort wenige Jahrzehnte später Autokolonnen über die asphaltierte Bundesstraße. Genauso hat sich die Denk- und Lebensweise der Moderne angepaßt: Als damals Straßenlaternen in Allerheiligen aufgestellt werden sollten, wehrten sich die Dorfbewohner noch mit dem Argument: „Alles, was sich nachts noch auf den Straßen herumtreibt, ist sowieso nur Gesindel.“