Die Vergangenheit

Vom abgelegenen Waisenhaus auf dem Weg zum 10 000-Seelen-Stadtteil

Das Stadionviertel ist – obwohl recht zentral in der Quirinusstadt gelegen – ein relativ junges Viertel. Beim Blick auf die Karte von 1925 sind im Wesentlichen fünf Institutionen auszumachen, die sich um 1910 auf dem Areal des heutigen Stadionviertels angesiedelt haben: Kinderheim St. Anna, Notburgahaus, Kamillianerkloster, Städtisches Krankenhaus und das Jahnstadion, das erst 1924 in Betrieb genommen wurde.

Kinderheim
St. Anna

Notburgahaus

Kamillianerkloster

Städtisches
Krankenhaus

Jahnstadion 

Kinderheim St. Anna

Schon im Oktober 1855 wurde das Neusser Waisenhaus an der Rheinstraße eröffnet. Bereits nach einem Jahr reichte das Gelände nicht mehr aus, und der Waisenhaus-Vorstand kaufte für 12 000 Taler das frühere Kloster Marienberg. Die positive Entwicklung des Waisenhauses, in dem die Schwestern vom armen Kinde Jesu die Waisen betreuten, führte 1908/1909 zu weiterer Expansion und zum Bau eines neuen Hauses an der Rheydter Straße. In 15 Monaten war der Bau, der für zunächst 250 Kinder und 40 Ordensschwestern vorgesehen war, vollendet. Groß, hell und weitläufig, war er das genaue Gegenteil der Baulichkeiten an der Rheinstraße. So ist einer zeitgenössischen Schrift über das Waisenhaus zu entnehmen: „Die Lage des Hauses vor der Stadt inmitten gärtnerischer Anlagen ist sehr günstig. Denn Licht und Luft, wie die häufige Bewegung im Freien, helfen Lungen, Aug’ und Herz der Kinder rein halten, schaffen fröhliche Munterkeit.“ Voller Stolz berichten die Chronisten von „massiven Porzellanwaschbecken, für jedes Kind besonders abgetrennt und mit laufendem Wasser versehen“.  Eine dreiklassige, von der Stadt unterhaltene Volksschule mit einem Hauptlehrer und zwei Lehrerinnen ergänzte die Erziehungs- und Bildungsaufgabe des Hauses. Zu Beginn des ersten Weltkrieges wurde das Waisenhaus für die Pflege verwundeter Soldaten eingerichtet und blieb über Jahre eines der größten Lazarette in Neuss. Für den Betrieb des Hauses ergaben sich so über vier Jahre ungewollte Nebenerscheinungen: Kochen und Waschen für die Verwundeten mussten von den Schwestern noch zusätzlich übernommen werden. 1933 wohnten im Kinderheim rund 300 Kinder und 50 Schwestern, denen zehn Angestellte zur Seite standen. Und genau wie im Ersten Weltkrieg blieb das St. Anna-Heim auch im Zweiten Weltkrieg von den Ereignissen nicht verschont. Das ganze Souterrain wurde als Luftschutzkeller ausgebaut, mächtige Balken als Stützen und Decken eingezogen, Mauern, Schleusen und Eisentüren eingebaut. Und die regelmäßigen Verdunkelungsübungen für den Ernstfall brachten das Tagesgeschäft oft aus der Ordnung. Mitte 1943 wurden die Kinder schließlich evakuiert: In mehreren Transporten vom 16. bis 20 Juni reisten 23 Schwestern mit sieben Angestellten und 200 Kindern nach Neusatzeck bei Bühl in Baden – die Säuglinge wurden in Waschkörben transportiert, in blauer oder rosa Garnitur. Doch an der Rheydter Straße herrschte nach der Evakuierung keineswegs Untätigkeit: Die Küche wurde für die Verpflegung von Kriegsgefangenen herangezogen. Zeitweilig wurden über 300 Mann verpflegt, für die 20 ukrainische Frauen als Küchenhilfen abkommandiert worden waren. Und nach den schweren Luftangriffen mussten zeitweilig noch bis zu 1 400 Obdachlose im Kinderheim aufgenommen und verpflegt werden. Als der Betrieb des Heims nach dem Krieg wieder aufgenommen wurde, setzte sich Mitte der 1950er Jahre ein neues Konzept durch: Kinder und Angestellte wurden nicht mehr in großen Räumen untergebracht, sondern in eingerichteten „Familien“ und Wohnungen für Gruppen bis höchstens 18 Kinder mit einer Schwester als „Mutter“.  In diesem Zuge wurde auch das alte Haus umfangreich umgebaut, die großen Säle in einzelne Wohnungen aufgeteilt. So, wie viele das alte Haus nicht mehr wiedererkannten, so trat der Wandel auch auf anderen Gebieten immer mehr hervor. Lange schon trugen die Schülerinnen nicht mehr einheitliche Kleidung, Matrosenblusen mit Kieler Kragen, wie sie auf den alten Fotos adrett anzusehen sind. Die hauseigene Schusterei, die früher mehr deftiges und dauerhaftes als schickes Schuhwerk zu bearbeiten hatte, wurde abgeschafft. Neonlicht leuchtete auf, für die Jugend durfte ein Tanzlehrer ins Haus kommen, und eines Abends saß der Schwesternkonvent zum ersten Mal vor dem Fernsehgerät. Die Klosterfrauen, früher am Kopf streng gewandet, tauschten die überlieferte Tracht gegen eine einfachere aus. Mit den Verhandlungen über den Bau des Konrad-Adenauer-Ringes ab 1965 wurde der Abriss des historischen Gebäudes an der Rheydter Straße besiegelt, der 1978 erfolgte. Es entstand ein Zentralgebäude, um das sich sieben, seit 1973  errichtete „Eigenheime“ für eine familienähnliche Erziehung der Kinder gruppierten. 1987 übernahm der Caritasverband für das Stadtdekanat Neuss die Einrichtungen. Das Kinderheim wurde 1996 geschlossen. Heute finden sich hier Kindertagesstätten der Pfarre St. Marien und der Stadt, verschiedene Einrichtungen der Caritas sowie das Kolping Bildungswerk.

Kinderheim
St. Anna

Notburgahaus

Kamillianerkloster

Städtisches
Krankenhaus

Jahnstadion

Notburgahaus

Genau 14 Morgen Land an der Preußenstraße erwarb der Verein Notburgahaus, um dort eine Erziehungsanstalt für weibliche schulentlassene „Fürsorgezöglinge“ und eine Zufluchtstätte für gefährdete junge Mädchen zu errichten. Das Notburgahaus – auf der Stadtkarte östlich im Anschluss an das Krankenhaus auszumachen – war bereits im Dezember 1908 so weit fertiggestellt, dass die ersten Schwestern - die „Töchter vom heiligen Kreuz“ - dort einziehen konnten. Eine schwierige Aufgabe wartete. War doch die Neusser Anstalt nach Satzung des Vereins Notburgahaus ausdrücklich für die Erziehung und Ausbildung der schwierigsten Mädchen bestimmt und nach dem Vertrag mit der Rheinischen Provinzialverwaltung verpflichtet, alle überwiesenen Zöglinge aufzunehmen – mochten sie auch noch so widerspenstig, unbotmäßig und wenig besserungsfähig erscheinen. Die Schützlinge kamen aus sozialem Elend, aus zerrütteten Familienverhältnissen, waren in ungesunder, giftgeschwängerter Atmosphäre aufgewachsene Kinder, denen zu 90 Prozent christlich erziehende Mutter und Vater gefehlt hatten. Das Erziehungssystem im Notburgahaus fußte daher vornehmlich auf religiöser und seelsorgerischer Einwirkung und Unterweisung. Denn – so stellte der Verein einmal fest – „der untrügliche Gradmesser des moralischen Tiefstandes der Zöglinge ist ihre Unwissenheit in Religion“. In den ersten Jahren gingen bereits 400 Mädchen durch die Anstalt, die zeitlich über ihr Fassungsvermögen hinaus mit 150 Mädchen belegt war. Ein Erweiterungsbau in den Jahren 1921/22 brachte dem Notburgahaus Platz für 160 Zöglinge, moderne Einrichtungen und einen großen Festsaal. In der nationalsozialistischen Zeit diente das Haus ungestört seiner satzungsgemäßen Bestimmung; die Schwestern durften bleiben, allerdings wurde der Verein Notburgahaus ausgeschaltet und die Anstalt von der Rheinprovinz übernommen. Eine Psychopathenstation und eine Turnhalle wurden gebaut. Große Schwierigkeiten und Veränderungen brachte der Zweite Weltkrieg, in dem die Anstalt vom ersten Tag an zum Lazarett umfunktioniert wurde. Zeitweilig lagen im Haus bis zu 400 Verwundete. Zahlreiche Gruppen von Mädchen mussten in andere Häuser verlegt werden. In zwölf Luftangriffen trug das Notburgahaus Schaden davon; am 10. September 1942 stand die ganze Anstalt in Flammen. Im März 1945 wurde das Notburgahaus als Krankenhaus für die Zivilbevölkerung freigegeben – denn im Krankenhausbunker nebenan war Flecktyphus ausgebrochen. Nach dem Krieg eröffneten die Schwestern einen Kindergarten und nahmen nach und nach ihre Erziehungs- und Fürsorgetätigkeit wieder auf. 1951 siedelte die letzte Krankenstation wieder ins Städtische Krankenhaus über. Mehr als 600 000 Mark musste der Verein Notburgahaus für die Instandsetzung aufbringen. Da die neuerdings sogenannte „Ersatzerziehung“ der Mädchen das Haus auf die Dauer nicht mehr auslastete, übernahmen die Töchter vom Heiligen Kreuz 1957 eine Förderklasse für Mädchen aus den Ostgebieten, die mit der deutschen Muttersprache und der westlichen Kultur vertraut gemacht werden sollten.  Die Verlegung der Schule und der immer größer werdende Schwesternmangel bewirkten im Laufe des Jahres 1959, dass die Genossenschaft der Töchter vom Heiligen Kreuz sich entschloss, ihre Schwestern aus dem Notburgahaus abzuziehen. Am 15. Dezember 1959, nach einem halben Jahrhundert segensreichen Wirkens, nahmen sie Abschied.

Ab 1960 übernahm das Erzbistum Köln das Gebäude und richtete hier 1962 das vorher im Konvikt an der  Breite Straße ansässige Erzbischöfliche Collegium Marianum ein. Die im Zweiten Weltkrieg zerstörte neobarocke Kapelle des Hauses gestaltete der Zero-Künstler Heinz Mack (geb. 1931) als ein modernes Gesamtkunstwerk neu, das 1988 eingeweiht wurde. 2006 verlegte das Erzbistum das Marianum nach Bonn und verkaufte das Areal an den Neusser Bauverein, der hier eine Altersresidenz plante. 2008 veräußerte der Bauverein den Komplex aber trotz Kritik der Anwohner an den Investor Vivacon AG Köln, der 51 Eigentumswohnungen im sanierten ehemaligen Notburgahaus/Marianum und 31 Eigentumswohnungen in Neubauten an der neu benannten Straße „Am Marianum“ errichtete. Die von Heinz Mack  gestaltete Kapelle blieb aufgrund ihrer künstlerischen Bedeutung erhalten. Sie gehört dem Neusser Bauverein. Ein Freundes- und Fördererkreis betreut die Kapelle und öffnet sie für Gottesdienste und Führungen.

Kinderheim
St. Anna

Notburgahaus

Kamillianerkloster

Städtisches
Krankenhaus

Jahnstadion

Kamillianerkloster

Krankenpflege und Seelsorge – das sind die Leitaufgaben des Kamillianerordens, der 1910 im nördlichen Bereich des heutigen Stadionviertels am Glehner Weg mit dem Bau eines Klosters begannen. Das imposante und beeindruckende Barockgebäude war vom Neusser Architekten Klaus Röhlinger konzipiert und am 10. September 1910 eingeweiht worden. Das Kamillushaus diente in erster Linie als Alters- und Invalidenheim, und ambulante Krankenpflege wurde dort gewährt. Doch die Bedeutung der Kamillianer war von weitaus größerer Tragweite: Auf dem Weg zum Hauptfriedhof liegend, steuerten zahlreiche Beichtwillige das Kamillianer-Areal an. Und das Kamillusfest mit großer Prozession durch den Klostergarten sowie Predigt und  Schlusssegen am Altar unter freiem Himmel zog regelmäßig Gläubige aus der umliegenden Gegend an. Die „Väter vom guten Tod“ – so wurden die Kamillianer auch genannt – funktionierten die Räumlichkeiten im Ersten Weltkrieg zum Lazarett um. Und als der Krieg zu Ende war, wurde es eng hinter den Klostermauern: Der jugendliche Ordensnachwuchs (das sogenannte Juvenat) musste im Neusser Kamillushaus untergebracht werden. Denn das bisherige Juvenat im holländischen Vaals konnte von den deutschen Kamillianern nicht mehr angesteuert werden, da nach dem Krieg die Devisen zur Bezahlung fehlten. So kam es, dass sich in Neuss die staatlich anerkannte Ordensschule der Kamillianer bildete. Zu Beginn der Nationalsozialistischen Zeit konnten die Kamillianerpatres zunächst noch ungestört ihrer Tätigkeit nachgehen. Das änderte sich allerdings ab 1936. Die ersten braunen Schikanen setzen ein, schließlich musste das Juvenat per Gestapo-Befehl 1939 geschlossen werden. Der Ordensnachwuchs sollte so unterbunden werden. Gleichwohl machten sich die Nationalsozialisten die Einrichtung am Glehner Weg zu Nutze: Zunächst als Krankenhaus für die Zivilbevölkerung. Und nachdem der Bombenkrieg begann und viele Mensche über Nacht des eigenen Domizils beraubte, wurde das Kamillianerhaus als Obdachlosen-Asyl umfunktioniert. 1943 beschlagnahmte der Sicherheitsdienst einen Teil des Gebäudes. Die Kamillianer waren so nicht mehr Herren im eigenen Hause – doch wenigstens blieb ihr Besitztum bislang verschont. Das änderte sich leider in den letzten Kriegsjahren: Am 18. Oktober 1944 zerstörten Fliegerbomben die prächtige Barockkirche, am 27. November fiel auch der größte Teil des Hauses dem Bombenhagel zum Opfer – vier Patres und acht alte Menschen wurden in den Tod gerissen. Nach dem Krieg war es den langen und mühevollen Anstrengungen der Patres zu verdanken, dass im April 1947 im Kamillianergarten eine Notkapelle eröffnet werden konnte. Raum für rund 450 Personen wurde dort geboten. Der Hochaltar und die Kommunionbank aus weißem Marmor waren aus den Trümmern der Kirche hergestellt worden. Der Wiederaufbau des Klosters konnte Ende 1953 abgeschlossen werden. Nur die Fundamente waren erhalten geblieben, statt pompösem Barock herrschten im neuen Gebäude nun schlichte Formen vor.

Die Notkapelle wurde 1973 durch eine neuzeitliche Kleinkirche ersetzt. Sie ist heute Filialkirche der Pfarrei St. Marien in der Pfarreiengemeinschaft Neuss-Mitte. Das 1953 wieder errichtete Klostergebäude verkaufte der Orden 1992. Es entstanden 40 Wohnungen. 1997 verließen die letzten Kamillianer Neuss. 2012 erwarb der Neusser Bauverein das „Kamillusgarten-Areal“, veräußerte es aber dann an die Unternehmensgruppe Gert Lichius. Auf dem bisher nicht bebauten ehemaligen Klostergelände entlang des Konrad-Adenauer-Rings zwischen Görres-Schule und Glehner Weg sollen ab 2018 knapp 50 Wohneinheiten mit hochwertigen Einfamilienhäusern und Eigentumswohnungen entstehen.

Kinderheim
St. Anna

Notburgahaus

Kamillianerkloster

Städtisches
Krankenhaus

Jahnstadion

Städtisches Krankenhaus

Das heutige Lukaskrankenhaus an der Preußenstraße – früher unter dem Namen Städtisches Krankenhaus bekannt – wurde während der Jahre 1909 und 1911 errichtet. 700 000 Reichsmark kostete der Bau der Krankenanstalt, in der zunächst 200 Betten für die Patienten bereit standen. Bei der Einsegnung des Gebäudes am 31. August 1911 kümmerten sich 32 Mitarbeiter – davon 20 Ordensschwestern - um das Wohl der Kranken. Während des Ersten Weltkrieges blieb auch das Krankenhaus an der Preußenstraße von den Kriegsereignissen nicht unbehelligt, musste teilweise als Reservelazarett zur Verfügung gestellt werden. Nach dem Krieg ging es weiter aufwärts: 1920 wurde ein Wöchnerinnen- und Säuglingsheim angegliedert, 1923 eine Hals-Nasen-Ohren-Station. Die Zahl der Betten war mittlerweile auf 237 gestiegen. Eine TBC-Station, die im Gartenhaus errichtet wurde, konnte 1937 ihren Betrieb aufnehmen, und am 1. März 1938 wurde das Infektionshaus vergrößert, im Anbau eine Schwesternschule eingerichtet. Genau einen Monat später übernahmen Rotkreuz-Schwestern die Arbeit der Ordensschwestern. Der Zweite Weltkrieg brachte viel Zerstörung und Leid über das Städtische Krankenhaus an der Preußenstraße. Schon 1940 wurde das gesamte Gebäude beschlagnahmt und zum Militärlazarett umfunktioniert. Das Hauptgebäude wurde während des Krieges fast ganz zerstört; nur der Westflügel blieb erhalten. Der eingeschränkte Krankenhausbetrieb verlagerte sich auf den Erdbunker (dieser war als Hochbunker geplant, konnte aber schließlich nur als Erdbunker fertiggestellt werden) und den übrig gebliebenen Teil des Westflügels. Die Not war groß, neue Einrichtungsgegenstände waren nicht zu bekommen. So mussten Betten und Apparaturen aus den Trümmern geborgen und in den bescheidenen Räumlichkeiten wieder in Betrieb genommen werden. Nur noch rund 100 Patienten konnten auf diese Weise medizinisch versorgt werden. Während des Krieges hatten die Schwestern des Augustinerinnen-Ordens das Krankenhaus als Filiale des Herz-Jesu-Krankenhauses übernommen. Am 8. Juni 1943 verpachtete die Stadt Neuss das Krankenhaus an die Augustinerinnen für jährlich 12 000 Reichsmark. Nach dem Zweiten Weltkrieg warteten riesige Trümmerhaufen darauf, wieder zu einen funktionierenden Krankenhausgebäude zusammengesetzt zu werden. Die Zerstörung war groß, und so wurde die neue Röntgenanlage 1949 noch im Kellergeschoss installiert. 1950 war das Haupthaus dann wieder errichtet, so dass schon im Sommer die behelfsmäßig im Notburgahaus untergebrachte TBC-Station übernommen werden konnte. Danach ging es in großen Schritten aufwärts: 1952 wurde der Nordflügel mit Hauptküche, Operationsräumen und Krankenzimmern errichtet und 1954 in Betrieb genommen. Und mit dem Bau des Ostflügels 1963 nahm das Krankenhaus im Wesentlichen seine heutige Gestalt an. Am 1. Juli 1966 erhielt das Krankenhaus seinen heutigen Namen, wurde vom „Städtischen Krankenhaus“ in die „Krankenanstalten Neuss – Lukaskrankenhaus“ umbenannt.

Die 1968 fertiggestellte Kinderklinik, eines der teuersten Projekte der Nachkriegszeit, gehörte zu den modernsten Kinderkliniken in der Bundesrepublik. 1977 wurde das „Lukas“ zum Akademischen Lehrkrankenhaus der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Ende 1986 gaben die Neusser Augustinerinnen wegen Nachwuchsmangels die Leitung der Krankenanstalten auf, die sie seit der Gründung mit einer Unterbrechung zwischen 1938 und 1942 inne gehabt hatten. Zum 1. Januar 1987 fungierte die Stadt Neuss als Träger und gründete die „Städtischen Krankenanstalten Neuss – Lukaskrankenhaus GmbH & Co. KG“, eine Gesellschaft, die ein Jahr später in die „Städtischen Kliniken Neuss – Lukaskrankenhaus  GmbH“ umgewandelt wurde. Heute betreibt die Gesellschaft an der Preußenstraße eine Klinik mit 537 Betten in elf Fachabteilungen. Des Weiteren führt sie als rechtlich unselbstständige Betriebsstätte die Rheintor-Klinik an der Hafenstraße für chirurgisch-orthopädische, neurochirurgische sowie mund-, kiefer- und gesichtschirurgische Eingriffe, in der Form einer Untergesellschaft ein Medizinisches Versorgungszentrum und seit 2012 das Pflegeheim Herz Jesu an der Straße Am Stadtarchiv. Seit 2014 werden die neun städtischen Kindertagesstätten als „Lukita Neuss“ in einem juristischen Verbund unter dem Dach des Lukaskrankenhauses geführt.

Kinderheim
St. Anna

Notburgahaus

Kamillianerkloster

Städtisches
Krankenhaus

Jahnstadion

Jahnstadion

Der Neusser Stadtrat fasste 1924 den Beschluss, ein großes Stadion in der Quirinusstadt zu bauen. Das Stadionviertel, welches bekanntermaßen seinen Namen durch das Jahnstadion bekam, hätte beinahe heute einen anderen Namen tragen müssen,  denn ursprünglich wurde für den Bau des Neusser Stadions eine große Wiese an der Hammer Landstraße ins Auge gefasst. Doch die Grundstückskommission wollte „Kulturland“ schonen, und so kam das Baggerloch zwischen Glehner Weg und Preußenstraße ins Gespräch. Das Loch war entstanden, weil große Erdmengen für den Bau der Kölner Eisenbahnlinie von dort abtransportiert worden waren. Die Stadtväter waren sich bewusst, dass für den Bau eines Stadions dieses Loch wieder aufgefüllt und große Erdmassen herantransportiert werden müssten. Trotzdem entschieden sie sich für den heutigen Standort des Jahnstadions – denn das Land dort war weitgehend in städtischem Besitz, so dass die nicht gerade prall gefüllte Stadtkasse nicht durch den Kauf eines Grundstückes zusätzlich belastet werden musste. Mit 250 000 Mark Baukapital begannen Anfang 1922 die ersten Arbeiten am Jahnstadion. Die Ernüchterung folgte schnell: Nur wenige Wochen, nachdem die ersten Spatenstiche getan waren, war bereits Ebbe in der Kasse, wurde die zügige Fertigstellung des Stadions fraglich. In heutiger Zeit kaum denkbar: Da die Arbeitslosigkeit damals stark gestiegen war, verordnete Vater Staat kurzerhand Notstandsarbeiten. Die sogenannte „produktive Erwerbslosen-Fürsorge“ trug schnell Früchte: Schon 1924 erstrahlte das neue Jahnstadion in frischem Glanz. Die Anlage umfasste 75 000 Quadratmeter. Über eine breite Allee wurde der Besucher auf einen Vorplatz geleitet, auf dem sich die Kassenräume und die Eingangstore befanden. Mehr als 10 000 Besucher konnte das Jahnstadion aufnehmen – sogar an einen großen Parkplatz (700 Quadratmeter) hatten die Bauherren damals schon gedacht. Auch die anderen Ausmaße waren beeindruckend: Übungsfelder für Fußball, Handball, Faustball, Hockey und Turnen, und um die Laufbahn zog sich die 500 Meter lange und sieben Meter breite Radrennbahn. Zehn übereinander gestaffelte Sitzreihen an der Südwestseite konnten 2 100 Zuschauer aufnehmen, hinzu kamen 8 000 Stehplätze. Und die waren bestens gefüllt, denn Veranstaltungen von hohem Rang wurden im Neusser Jahnstadion ausgetragen. Allein das Programm in den ersten Monaten war beeindruckend: Radfernfahrt Neuss-Aachen-Neuss einschließlich Bahnrennen, Fußball-Endspiel um die Westdeutsche Meisterschaft, Deutscher Sprinter- und Staffeltag, Reichsarbeitersporttag und viele hochkarätige Sportereignisse mehr. Seit dem Bau des Jahnstadions 1924 sind zwar die Umrisse des Areals weitgehend gleich geblieben, im Inneren hat sich dagegen einiges verändert – zum Guten und zum Schlechten hin. Positiv: Die rund 1 000 Zuschauer fassende Mehrzwecktribüne kam zu den Außenanlagen hinzu, ebenso ein Allwetterplatz für Basketballer. Und Leichtathleten können auf den Sprunganlagen mit Kunststoffbelag ihrer sportlichen Betätigung nachgehen. Negativ: Drei angedachte weitreichende Projekte wurden nie zu Ende geführt. Erstens, das Schwimmstadion; zweitens der Ausbau und die Überdachung der Tribünen; drittens die Kunststofflaufbahn. Die ganz großen Zeiten des Jahnstadions sind heute vorbei. Der Bedeutungsverlust der Leichtathletik und die Konkurrenz moderner Radrennbahnen im Neusser Umfeld (worauf hin die Aschenbahn 1970 abgerissen wurde) mögen nur zwei Gründe dafür sein. Trotzdem werden im Jahnstadion auch heute noch hochkarätige Sportveranstaltungen ausgetragen: So ist der mehrfache Deutsche Tennis-Meister Blau-Weiß Neuss dort ebenso beheimatet wie der Hockey-Bundesligist HTC Schwarz-Weiß Neuss.

Im Jahr 2008 setzten sich Stadtverwaltung und CDU-Ratsfraktion für eine grundlegende Umgestaltung des Stadions ein: Die Aschenplätze an der Jahnstraße sollten einer Mehrfachturnhalle und einem Fitnesszentrum weichen, während im Bereich der Rasenfläche und der Laufbahn des Jahnstadions hochwertige Wohnbebauung entstehen sollte, um die Finanzierung des sportpolitischen Konzeptes sicher zu stellen. Es bildete sich gegen diese Pläne eine Bürgerinitiative „Rettet das Jahnstadion“. Der Rat entschied daraufhin, die Bebauungspläne zunächst auf Eis zu legen und in einem Werkstattverfahren unter Beteiligten aller Betroffenen zu einer Lösung zu gelangen. Die Moderation des Verfahrens wurde dem Institut für Kooperative Planung und Sportentwicklung (ikps) Verfahren übertragen, das 2016 seinen Abschlussbericht vorlegte. Die Bebauung wurde aber von Verwaltung und Politik zunächst nicht weiter aktiv verfolgt.

Waren auf der eingangs erwähnten Karte von 1925 in erster Linie die fünf genannten Institutionen zu erkennen, zeigt die weitere Besiedlung ein „Nord-Süd-Gefälle“: Die nördlichen Teile waren zuerst entwickelt, im Süden bis zum Grefrather Weg hin wurde erst spät mit dem Bau von Häusern begonnen. Eine Sonderstellung nimmt der Bereich zwischen den drei Gleisen im Norden ein – zwischen Gielenstraße, Stephanstraße, Augustastraße und Victoriastraße.  Die Besiedlung begann dort schon vor den 1920er Jahren, zum Teil wurden Häuser für die belgischen Besatzer des ersten Weltkrieges errichtet. Eine weitere Teilung des heutigen Stadionviertes erfolgt durch den Namensgeber selbst: das Stadion. So wird das Viertel südlich des Stadions rund um die Preußenstraße häufig auch „Krankenhausviertel“ genannt. Anfang der 1950er Jahre war lediglich die Preußenstraße – hauptsächlich durch Notburgahaus und das Krankenhaus – besiedelt. Seit Mitte der 1950er Jahre setzte dort verstärkte Bautätigkeit ein: In der Huppertzlaach, Virchowstraße, Ehrlichstraße, Behringstraße, Sauerbruchstraße – bis 1957 mehr oder weniger noch Baustraßen mit dem einen oder anderen fertiggestellten Häuschen. Beim Blick auf die Karte von 1969 erschließt sich dem Betrachter schon ein ganz anderes Bild: Südlich bis zum Grefrather Weg ist das einstige Feld weitgehend zugebaut, verbindet die ehemalige Stichstraße Virchowstraße nun die Preußenstraße mit dem Grefrather Weg. Auch westlich der Görresstraße wurde fleißig gebaut: So waren Merkurstraße, Reichensperger Straße, Windthorststraße, Kneippstraße, Mendelstraße und Felkestraße angelegt worden und schmucke Einfamilienhäuser entstanden. Und auch weiter nach Süden war die Besiedlung mit Liebigstraße, Gaußstraße und Einsteinstraße fortgeschritten. Zwischen 1957 und 1969 hatte sich die Fläche des Hauptfriedhofes übrigens ungefähr verdoppelt. Mit dem Bau des Konrad-Adenauer-Ringes Anfang der 1970er Jahre wurde das Erscheinungsbild des Stadionviertels noch einmal deutlich verändert: Als die Tankstelle an der Görresstraße 1965 gebaut wurde, zierte die schmale, von Bäumen gesäumte Straße das Bild. Nun rauschte der Verkehr über den neuen, vierspurigen Ring, bildete eine Schneise zwischen westlichem und östlichen Krankenhausviertel. Mitte der 1980er Jahre konnte das Stadionviertel einige hundert Neubürger verzeichnen, als das Baugebiet Klever Straße erschlossen wurde und seitdem die nördliche Spitze des Stadtteiles bildet.

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