Die Vergangenheit

Vom Faustgroßen Maas-Ei zur ausgedehnten Reißbrett-Siedlung

Frühe Siedlungen in der Steinzeit

Schon der Mensch der mittleren Steinzeit hatte am Gebiet des heutigen Weckhoven Gefallen gefunden: Die ersten Spuren menschlicher Besiedlung stammen aus der Epoche nach der letzten Eiszeit, also zirka 7000 vor Christus. Die Werkzeuge der Weckhovener Steinzeitmenschen waren kleine Steingeräte, die als Messer und Harpune in hölzerne Stecken eingesetzt wurden – unter anderem um zu jagen. Als Rohstoff für diese feine Steinabsplitterungen dienten so genannte Maas-Eier. Das sind eierförmige, faustgroße Steine, dunkel in der Oberfläche und im Inneren aus Feuerstein bestehend. Auch heute noch kann man Maas-Eier auf den Äckern rund um Weckhoven finden. Diese „Feuersteine“ wurden, wie der Name schon sagt, auch zum anzünden von Feuer benutzt. Die Menschen auf Weckhovener Boden hausten zu dieser Zeit in Hütten, die mit Reisig und Fellen bedeckt waren. Sie lebten vom Fischfang, von der Jagd und dem Sammeln von Wildfrüchten. Wenn Fluss und Wald nichts mehr zum Leben hergaben, packte man seine sieben Sachen und suchte ein neues Gebiet auf. Die Menschen waren also zu dieser Zeit noch nicht sesshaft. Ein solcher Lagerplatz nicht sesshafter Menschen liegt zum Beispiel am Hummelbach in der Flur Deerbroich.

Im fünften Jahrtausend vor Christus kamen Bauern aus dem Balkan an den Rhein. Sie wurden Bandkeramiker genannt, weil sie ihre Keramik mit Bandmustern verzierten. Erst 4000 vor Christus wurden die Menschen sesshaft. Aus der jüngeren Jungsteinzeit, Mitte des 4. Jahrtausends, sind aus Weckhoven wieder Funde bekannt. Diese jungsteinzeitlichen Bauern brachten den Menschen eine neue, bessere Lebensart. Ein wichtiger Entwicklungsschritt: Das Steinbeil wurde erfunden! Nun konnten feste Häuser gebaut werden. Mit dem Steinbeil konnten Bäume gefällt, Wälder gerodet werden. Flächen für den Ackerbau entstanden. Dann kam der Holzpflug. Er trägt zu einer weiteren Lebensverbesserung bei. Die Palette an Landerzeugnisse wird größer und reichhaltiger, die Menschen werden älter. Auch aus dieser Epoche wurden viele Funde auf Weckhovener Grund gemacht: ein Steinbeil am heutigen Sportplatz in der Flur „im Hahnen“, ein Läuferstein zum Mahlen von Getreide an gleicher Stelle. Auch in der Flur Deerbroich konnten immer wieder jungsteinzeitliche Relikte aufgesammelt werden. So zum Beispiel Bruchstücke von Steinbeilen, Kratzer, Pfeilspitzen und viele Abschläge.

Von der Bronzezeit bis zu den Römern

Die Bronzezeit (zirka 1800 vor Christus) bringt den Menschen viele Erleichterungen. Das Steinbeil wird durch das Bronzebeil ersetzt, der Baum ist so leichter und schneller zu fällen. Das Holz ist besser zu bearbeiten. Der Holzpflug ist mit einer Bronzespitze versehen und gleitet besser durch den Boden. Das Bronzeschwert ist besser und länger und so für den Kampf besser geeignet. Auch der Schmuck der Frauen wird nun in wunderschönen Formen hergestellt. Ungefähr in der Zeit 400 vor Christus sind die Kelten auf Weckhovener Boden angelangt – die Eisenzeit ist da. Fast alles wird nun aus Eisen hergestellt: Werkzeuge, Alltagsgeräte, Waffen, auch der Pflug wird mit Eisen beschlagen. Doch auch Bronze und Silber finden Verwendung.

Mit dem Eintreffen der Römer 16 vor Christus wurden auch auf dem Boden südlich von Neuss viele Dörfer und Städte errichtet. Aus dem ersten Jahrhundert nach Christus ist die „Villa rustic“ oder auch „Villa Weckhoven“ bekannt. Dieser in den fünfziger Jahren entdeckte römische Gutshof liegt unmittelbar am neuen Friedhof. Mit den Römern hielt auch deren Kultur Einzug. Schreiben, Lesen, Rechnen gehörten unter anderem zum „Lebensstil“ der Bevölkerung. Fast vier Jahrhunderte besiedelten die Römer den Weckhovener Boden und legten ein Straßennetz an. Reste einer römischen Straße sind heute noch im Boden am Hagelkreuz zwischen Hoisten und Weckhoven zu finden. Zu dieser Zeit ist das Imperium Romanum das größte zusammenhängende politische, wirtschaftliche und kulturelle Gebiet der Erde.

Das Mittelalter: Herrschaft der Franken und der Herren von Erprath

Um 450 nach Christus werden die Römer von den Franken verdrängt, doch nur wenige Funde belegen ihre Anwesenheit. Dazu gehören einige Gräber, die bei Ausschachtungsarbeiten auf dem Gelände der St. Paulus Kirche zum Vorschein kamen. Das von den Römern mitgebrachte Kulturgut ging in dieser Zeit verloren. Erst im 8. Jahrhundert sind wieder Bodenfunde zu verzeichnen, die auf kulturelles Leben schließen lassen.

Die älteste urkundliche Erwähnung auf Weckhovener Heimatboden stammt aus dem Jahre 793 nach Christus. In diesem Jahr verkaufte der Edle Sigwindus dem Priester Luidger (später der heilige Ludger) einen Hof zu Rüblinghoven (Gelegen im Gillbachknick Weckhoven/Hoisten). Dort findet die Beurkundung statt. Es heißt: Geschehen zu Widugesishova. Widugesishova wird für Widdeshoven gehalten, kann aber auch Weckhoven sein, das man später Widdinchoven schrieb. Am 24. April 817 verkaufte ein Friedrich dem Bischof Hildigrim zwei Morgen Land bei Rüblinghoven. Diese Flur lag zwischen Weckhoven und dem Gillbach, wo heute die Gillbachstraße verläuft. Die Siedlung entlang dieser Straße hieß noch in vorigem Jahrhundert „Bach“. Dort ist wohl der Ursprung von Weckhoven zu suchen. Der Ortsname Weckhoven wurde auch 1183 erwähnt, er bedeute soviel wie Hof des Wego oder Wicco. Der Hof lag an der Erftbrücke am Ortseingang.

Der Ort Weckhoven ist eng mit der Burg Erprath im Volksmund „Kyburg“ genannt, verbunden. Dort residierte das Geschlecht derer von Erprath. Eprath bedeute nichts anderes als Rodung an der Erft. Das Geschlecht starb im 14. Jahrhundert aus. Es war ein sehr bedeutungsvolles Geschlecht mit ausgedehntem Besitz. Zu ihrem Eigentum gehörten zwei Mühlen, die Dörfer Grefrath, Hemsfurt (ehemals an der Erftbrücke gelegen), Selikum und Quinheim bei Grimlinghausen (heute von Rhein überspült). Viele Dörfer und Hofanlagen gehörten waren Erprath gegenüber zu Tribut verpflichtet. Die Erprather saßen als Kanoniker in der damaligen großen Kirche und Stift St. Gereon in Köln, auch waren sie als Zeuge gefragt und berechtigt zum Zeichnen von Urkunden. Die Burg wurde im truchsessischen Krieg von 1586 zerstört.

Die Burganlage wird heute in Patenschaft vom Heimatverein Weckhoven betreut und so in einem sauberen Zustand als Naherholungsgebiet erhalten. Über das Dorf Weckhoven liegen aus mittelalterlicher Zeit kaum Erkenntnisse vor. Das Dorf hat von der Nähe zu Neuss nicht immer profitiert. Die Belagerer von Neuss nahmen zuerst das wehrlose Weckhoven in Besitz. Plünderungen und Brandschatzungen waren so an der Tagesordnung. Die Herren von Erprath saßen derweil sicher auf ihrer Burg, die Burg fast uneinnehmbar war. Weckhoven dagegen musste bluten.

Kampf für mehr Unabhängigkeit in der Frühen Neuzeit

Weckhoven rückt wieder etwas ins Licht als im Jahr 1598 einige Dorfbewohner, die des Lesens und des Rechnens mächtig waren, die Kinder des Ortes in der Scheune des Ackerers und Schankwirts Thum in Rechnen, Lesen und in Katechismus unterrichten. Immer wieder und immer öfter taucht der Name Weckhoven dann im Zusammenhang mit der Mutterpfarre Hoisten auf. Kirche und Schulbesuche mussten die Weckhovener in Hoisten leisten. Selbst das Schützenfest sollten die Weckhovener in Hoisten feiern. In diesen Punkten versuchten Weckhovener Bürger zu allen Zeiten Abhilfe zu schaffen. Sie versuchten eine eigene Kirche zu bauen, es scheiterte an den Hoistener Pfarrern. Denn zu früheren Zeiten wurden die Pastore und auch die Küster von den Pfarrmitgliedern bezahlt. Um die „Einnahmequelle“ Weckhoven nicht zu verlieren, wurde mit aller Macht versucht, eine Kirche in Weckhoven zu verhindern.

Es gelang bis zum Jahre 1901, dann hatte Weckhoven endlich eine eigene Kirche. Ebenso ging es mit der Schule. Immer wieder wurde der Versuch gestartet, eine eigene Schule zu besitzen. Die Weckhovener Schüler mussten durch Schnee und Regen über die damals noch unbefestigte Straße in den Nachbarort zur Schule gehen. Im 18. Jahrhundert begannen die Weckhovener sogar einen Schulstreik, um für eine eigene Schule zu kämpfen. Aber es dauerte noch bis zum Jahre 1845, bis eine einklassige Schule in Weckhoven eingeweiht wurde. Auch der Versuch, einen eigenen Schützenverein zu gründen, scheiterte immer wieder bis zum Jahre 1863. Da gab der Bürgermeister zu Hülchrath, Hauptmann a. D. Freiherr Ferdinand von Pröpper, endlich die Genehmigung.

Aus Dankbarkeit nannten die Weckhovener ihren Schützenverein „zum Heiligen Ferdinandus“. Verwaltungsmäßig gehörte Weckhoven nach Hülchrath und später nach Neukirchen. Durch die Gründung des Schützenvereins im Jahre 1863 taucht der Name Weckhoven immer häufiger auf, besonders im Pressespiegel. Volks- und Viehzählungen mussten auch im Dorfe Weckhoven jährlich vorgenommen werden. So erfahren wir aus dem Jahre 1890: Weckhoven hat 694 Einwohner, 22 Pferde, 125 Stück Rindvieh, 183 Schweine, 165 Ziegen, 19 Bienenstöcke, 756 Hühner, vier Gänse, 38 Enten, ein Schaf – und am Schluss der Vermerk: auch 144 Schulkinder.

Weckhoven wird ein Teil von Neuss

1905 hatte Weckhoven bereits 755 Einwohner. Dann kommt der Fortschritt: 1909 brennt das erste elektrische Licht in Weckhoven. Der Krieg 1914/1918 traf auch Weckhoven sehr hart. Viele Väter und Söhne kehrten nicht mehr heim, 1919 kamen französische Besatzungstruppen. Armut griff ums sich und das Vereinsleben lag still. Erst 1920/21 erwachte das Dorf, für kurze Zeit flammte das Vereinsleben wieder auf, bildeten sich wieder Gemeinschaften. 1924 fährt das erste Postauto nach Weckhoven, bis dahin ging es nur „per pedes“ oder per Fahrrad nach Neuss. Aber die Weltwirtschaftskrise setzte auch hier wieder alle Räder still.

Erst im Jahr 1925 ging es in Weckhoven wieder aufwärts. Fast alle Vereine (die meisten existieren auch heute noch) lebten wieder auf – oder es wurde versucht, neue Vereine zu gründen. 1927 wird das Kriegerdenkmal eingeweiht. Im Jahr 1929 wird Weckhoven in die Stadt Neuss eingemeindet, die Weckhovener sind nun zugleich auch „Nüsser“. Die Zeit ist schlecht, viele Menschen im Dorf leben an der Armutsgrenze und finden keine Arbeit – ein Nährboden für den Nationalsozialismus. In all diesen schweren Jahren, von der Jahrhundertwende bis zu den 50er Jahren, war die katholische Kirche die große Stütze der Dorfbewohner. Durch Inflation und Arbeitslosigkeit fand der Nationalsozialismus auch in Weckhoven immer mehr Anhänger.

Aus den Reichstagswahlen vom 12. März 1933 geht die NSDAP als stärkste Kraft hervor und beherrscht nun Weckhoven. Viele Vereine werden „gleichgeschaltet“. Die Kriegsvorbereitungen werfen ihren Schatten voraus. Am 27. August 1939 ist es dann soweit. Die katholische Volksschule wird beschlagnahmt und mit 200 Soldaten belegt. 1939 wurde ein unseliges Kapitel auch für Weckhoven aufgeschlagen. Söhne und Väter bekamen den „Stellungsbefehl“, wurden zum Kriegsdienst eingezogen, viele kehrten nie mehr zurück. Am 17. Mai 1940 fällt der erste Weckhovener, Gefreiter Peter Bebber, er stirbt den „Heldentod“. Und auch vom Fliegeralarm bleibt Weckhoven nicht verschont. Am 28. Mai 1940 heulen zum ersten Mal die Sirenen. Von nun werden die Menschen fast in jeder Nacht aus dem Schlaf gerissen. Der 120. Alarm wird am 5. Februar 1941 registriert; am 11. Januar 1942 der 400. Alarm. Brandbomben vom Unterdorf bis Oberdorf, Sprengbomben fielen Gott sei dank nur aufs Feld. Trotzdem ist die Verwüstung groß: Bomben zerstörten Häuser „Am Kirschbäumchen“, auf der Hoistenerstraße und auf der Gillbachstraße. Wahrscheinlich 17 Menschen verloren durch Bombenangriffe ihr Leben.

Am 4. März 1945 wird Weckhoven von den Amerikanern besetzt, die Hakenkreuze in den Schulklassen werden entfernt und die Kruzifixe wieder in die Klassenräume geschafft. Die Kirche konnte wieder ohne Angst besucht werden. Auch ein Zeichen, dass das Leben im Dorfe sich langsam normalisierte. Schon bald kommen die ersten Ostvertriebenen. Sie werden auf die einzelnen Häuser verteilt. Schnell sind die Heimatvertriebene Bestandteil von Weckhoven. Viele schlossen sich dem Vereinsleben an, sind bis heute noch für Weckhoven tätig. Die alten Vorkriegs -Vereine formierten sich neu. Aber viele Väter und Söhne, die vor dem Kriege das Vereinsleben mit prägten, kamen nie mehr nach Hause. Der Theaterverein des BV Weckhoven spielte im Saal von Wilhelm Engels immer vor ausverkauftem Haus. Die Entbehrungen der Kriegsjahre wurden ausgeglichen, die Menschen waren hungrig nach Vergnügen. In der Zeit bis zur Währungsform hielten sich die meisten Weckhovener mit „Handel“ über Wasser: Schwarzhandel mit Schnaps (als Knolli-Brandy bekannt) oder Schwarzschlachtung, aber auch Kraut-Sirup Herstellung, Handel mit Öl, Mehl („Öl un Mehlbühle“) – es wurde mit allem gehandelt und getauscht.

Mit den Jahren normalisierte sich das Leben im Dorf nach und nach. 1948 wurde eine provisorische Holzbrücke über die Erft gebaut, in diesem Jahr brennen auch die ersten zwölf Laternen in Weckhoven und der erste Omnibus fährt nach Weckhoven. 1958 wird die neue Erftbrücke gebaut, 1962 die Schule am Lindenplatz. Von 1963 bis 1969 wächst Weckhoven zu einem Stadtteil von rund 9.000 Seelen heran. Ganze Straßenzüge werden aus dem Boden gestampft, Hochhäuser ragen in den Himmel. Der einst eher beschauliche Stadtteil im Süden von Neuss erhält ein völlig neues Gesicht. Mit großen Folgen für die Infrastruktur: Neue Schulen werden gebaut. 1968 öffnen erste Läden im Ladenzentrum an der Otto-Wels-Straße ihre Türen. Kindergärten und Horte entstehen im neuen, großen Stadtteil, um die vielen neuen Bürger aufzunehmen.