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Von der christlichen Caritas zur öffentlichen Wohlfahrt
Stellten jetzt gemeinsam das Buch „Von der christlichen Caritas zur öffentlichen Wohlfahrt“ vor: Autorin Dr. Lisa Klewitz (r.) und Dr. Annekatrin Schaller, Redakteurin des Buches und Archivarin im Stadtarchiv Neuss.

Von der christlichen Caritas zur öffentlichen Wohlfahrt

Die jetzt als Buch erschienene Doktorarbeit von Lisa Klewitz untersucht den Wandel der Neusser Armenfürsorge in der Franzosenzeit.
Stellten jetzt gemeinsam das Buch „Von der christlichen Caritas zur öffentlichen Wohlfahrt“ vor: Autorin Dr. Lisa Klewitz (r.) und Dr. Annekatrin Schaller, Redakteurin des Buches und Archivarin im Stadtarchiv Neuss.

Mit dem Einmarsch der französischen Revolutionstruppen im Oktober 1794 begann für Neuss eine neue Epoche in der Stadtgeschichte. Die alte, kurkölnische Zeit endete und mit ihr viele, seit dem Mittelalter existierende städtische Strukturen und Praktiken. Das betraf auch das System der Armenfürsorge, dass sich grundlegend veränderte – weg vom Prinzip der christlichen Caritas hin zu einer staatlich getragenen, öffentlichen Wohlfahrtspflege. „Die Besatzungszeit brachte viele Neuerungen nach Neuss, darunter etwa Gewerbe- und Religionsfreiheit. Diese Neuerungen verteidigten die Neusser dann später unter den Preußen“, so Dr. Jens Metzdorf, Leiter des Stadtarchivs Neuss. Mit der Doktorarbeit von Lisa Klewitz legt das Stadtarchiv jetzt eine detaillierte Studie vor, die diesen Umbruch für Neuss auf der Basis der umfangreich überlieferten Quellen im Stadtarchiv untersucht und erstmals einen tiefen Einblick in die damaligen sozialen Verhältnisse in Neuss ermöglicht. Der Band „Von der christlichen Caritas zur öffentlichen Wohlfahrt” schließt damit eine Lücke in der Neusser Geschichtsschreibung sowohl zur Franzosenzeit 1794 bis 1814 als auch zur Sozialgeschichte insgesamt.

Als die für Neuss so bedeutsamen Klöster und Stifte 1802 säkularisiert wurden und schließen mussten, fielen die seit dem Mittelalter bestehenden Institutionen der christlichen Caritas fast vollständig weg. „Der katholische Geist in der Armenfürsorge hatte in Neuss trotzdem weiter Bestand. Die handelnden Personen aus der Oberschicht blieben die gleichen wie vor der französischen Besatzung“, erläutert Klewitz. Dennoch gestaltete die französische Verwaltung die öffentliche Fürsorge grundlegend um und legte sie in die Hände des Staates. Die französische Verfassung hatte 1791 das Recht der Bedürftigen auf öffentliche Fürsorge festgelegt – Armenfürsorge war Staatspflicht geworden. Damit war der Anfang unserer heutigen Sozialgesetzgebung gemacht. Metzdorf dazu: „Als bei uns über die Hartz-Gesetze diskutiert wurde ging es immer darum, wie die Sozialhilfe reformiert werden sollte. Dass sie eine staatliche Aufgabe ist war aber unbestritten. Ende des 18. Jahrhunderts war das jedoch etwas radikal Neues.“

Der Empfängerkreis der Fürsorge in Neuss vergrößerte sich durch die Modernisierung der Armenverwaltung deutlich. „Witwen waren die die größte Gruppe“, so Klewitz, „Erst die Arbeitsunfähigkeit führte zu einem Anspruch auf Unterstützung. Die Arbeitsfähigen bekamen keine monetäre Unterstützung, sondern mussten ins Armenhaus.“ Gleichzeitig waren die Bedürftigen weiterhin auf Selbsthilfe angewiesen und pflegten ihre eigenen sozialen Netzwerke. Auch diesen Mikrokosmos hat Klewitz im Detail untersucht und führt so die damaligen Lebensverhältnisse der Neusser Armen plastisch vor Augen. Dr. Annekatrin Schaller, Redakteurin des Buches und Archivarin des Stadtarchivs, findet gerade diesen Aspekt interessant: „Es wird auch das Zusammenleben der Gesellschaft beleuchtet, also etwa wie sich die Armen gegenseitig halfen und welche Netzwerke vor allem die Protestanten unterhielten, die von der öffentlichen Wohlfahrt ausgeschlossen waren.“

Die 1985 in Neuss geborene Lisa Klewitz machte ihr Abitur am Gymnasium Marienberg und studierte danach Geschichte, Französisch und Bildungswissenschaften an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz und der Université François Rabelais in Tours. Derzeit unterrichtet sie Französisch und Geschichte an einem Gymnasium in Mainz und hat einen Lehrauftrag an der Johannes-Gutenberg-Universität inne. Für ihre Doktorarbeit besuchte Klewitz die Université de Bourgogne in Dijon und das Archives nationales in Paris. Dort fand sie auch einen in Neuss bis jetzt unbekannten Bericht darüber, mit welcher List die Preußen Neuss in der Nacht auf den 3. Dezember 1813 von den Franzosen zurückeroberten, wenn auch nur kurzzeitig. „Es hat zwar keinen direkten Bezug zur Arbeit, aber diese Anekdote war zu gut, um sie unerwähnt zu lassen“, so Klewitz. Wer wissen möchte, welche Rolle dabei drei Kohlekähne und ein französischer Marsch spielten, kann das Buch ab sofort zum Preis von 19,80 Euro im Stadtarchiv, in der Touristinformation sowie im Neusser Buchhandel erwerben.

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